Die Ritter prägen wie wohl kaum eine andere gesellschaftliche Gruppe bis heute das moderne Mittelalterbild. Nach einer schon im 10. Jahrhundert nachweisbaren Ständetheorie war es die Aufgabe der “Kämpfer” (lateinisch: pugnatores), die beiden anderen waffen- und damit auch wehrlosen Gruppen der “Beter” (oratores) und der “Arbeiter” (laboratores) vor Gewalt zu schützen. Dieser idealisierten, bis weit in die Neuzeit hinein akzeptierten Deutung ist es zuzuschreiben, daß die Bewertung der Ritter so stabil geblieben ist: Der “ritterliche Kämpfer” erscheint ungebrochen als der Idealtypus eines Gewaltinhabers, und dies vor allem aus zwei Gründen: Erstens bindet er seine Gewaltausübung dezidiert an ethisch-sittliche Maßstäbe; beispielsweise schont er Nichtkombattanten, Zivilisten wie Frauen, Kinder und Kleriker usw. Zweitens kämpft er ritterlich, das heißt fair im Sinne von regelgeleitet, gegen einen gleichwertigen Gegner, der überwunden, nicht aber unbedingt getötet werden soll. Vor allem angelsächsischen Historikern ist es zu danken, wenn mittlerweile ein ungleich realistischeres Bild vom mittelalterlichen Ritter vorherrscht. Vor allem eine Betrachtung der Kampfesweise mittelalterlicher Ritter kann die Haltlosigkeit so mancher liebgewordener Bilder erweisen.
Bereits die Etymologie des Namens verdeutlicht die Wichtigkeit des Pferdes für den Ritter, der ein Reiter ist, wie auch im Französischen erst der Einsatz des cheval (Pferd) den Kämpfer zum chevalier (Ritter) adelt. Der Ritter saß dank des vermutlich im 8. Jahrhundert aufgekommenen und weit herabreichenden Steigbügels im buchstäblichen Sinne fest in seinem Sattel und konnte seinem Pferd die (zumeist eisernen) Sporen geben. Es handelte sich um das nur im Gefecht eingesetzte, kostbare Streitroß. Im Laufe des Mittelalters wurde es dank sorgfältiger heimischer und fremder Zucht immer stärker und größer – sein Gewicht konnte, zumal wenn es sich um einen von kapitalkräftigen Rittern bevorzugten Hengst handelte –, die 500-Kilogramm-Marke überschreiten. Dies war allein schon deshalb notwendig, weil auch sein Reiter, der auf ihm sitzende Ritter, durch immer aufwendigere Rüstung immer schwerer wurde, und man im Laufe des Mittelalters auch das Pferd an exponierten Stellen durch Panzerung zu schützen versuchte. Vor allem aber erhöhten schwere Pferde die Durchschlagskraft eines Kavallerieangriffes.
Das Streitpferd stellte das Statussymbol schlechthin dar – wie heutzutage ein Luxusauto. Denn in der Anschaffung ausgesprochen teuer, konnten sich nur reiche Ritter mehrere Pferde leisten. Diese waren zumindest gut fürs eigene Image, aber schon aufgrund ihrer Kostbarkeit und ihrer beschränkten militärischen Brauchbarkeit (vgl. dazu unten III.) neigte man dazu, sie im Alltag zu schonen und – welch Ausdruck eines fast schon bürgerlich zu nennenden Sicherheitsdenkens! – sie auch gegen Verlust zu versichern. So waren die englischen Könige im 14. Jahrhundert gezwungen gewesen, die Pferde ihrer Ritter vor der Einschiffung auf den Kontinent wertmäßig taxieren zu lassen. Im Falle eines kriegsbedingten Verlustes seines Pferdes hatte der einzelne Ritter wenigstens einen theoretischen Anspruch auf Zahlung des bei der Musterung festgelegten Schätzpreises durch die Krone.




