Therapeutische Spiele sollten mit Vorsicht eingesetzt werden, fordert Rainer Richter, Präsident der Bundespsycho- therapeutenkammer.
Es gibt immer mehr Spiele gegen Depressionen, Phobien und Traumata. Sind Psychotherapeuten bald überflüssig, Herr Professor Richter?
Nein, sicher nicht. Ich finde den Einsatz solcher Spiele spannend, aber nur im Rahmen einer Therapie. Stellen Sie sich vor, da krabbeln überall Spinnen herum, die man virtuell anfassen kann. Das kann bei einem Patienten mit Spinnenphobie starke Angst auslösen. Der Therapeut ist dafür verantwortlich, dass der Patient nicht überfordert wird, und er haftet dafür auch berufsrechtlich.Es geht also nicht, dass der Patient alleine zu Hause am Computer übt.
Welchen Nutzen haben die Spiele dann?
Die virtuellen Realitäten beruhen auf einem uralten Konzept – dem Eintauchen in eine andere Welt. Wir nennen das Immersion. Das gelingt auch beim Betrachten eines schönen Bildes oder beim Lesen eines guten Buches. Die Computerspiele intensivieren und erleichtern dieses Eintauchgefühl, weil sie unsere Aufmerksamkeit stärker binden. Das kann bei der Behandlung psychischer Erkrankungen sehr hilfreich sein. Bei einer speziellen Tier-phobie etwa kann es schwierig sein, den Patienten mit diesem Tier zu konfrontieren. In der virtuellen Welt kommt der auslösende Reiz zum Patienten. Das bedeutet deutlich weniger Aufwand.
Die Spiele-Entwickler betonen, dass sie die Reize genau programmieren und damit besser kontrollieren können, als es einem Therapeuten möglich ist.
Das sehe ich nicht so. Die Beziehung zwischen dem Patienten und dem Therapeuten spielt eine sehr große Rolle. Der Therapeut muss mit seinem Einfühlungsvermögen ständig einschätzen, welche Reizintensität für den Patienten angemessen ist. Das lässt sich kaum standardisieren.
Die Erfinder sind aber davon überzeugt.
Die Erfahrung lehrt etwas anderes. Und im Übrigen: Was wirkt, kann auch schaden. Ich wäre besonders vorsichtig, solche Spiele bei Menschen anzuwenden, die Schwierigkeiten haben, die Realität einzuschätzen, etwa bei Patienten mit Wahnvorstellungen. Sie hören Stimmen und fühlen sich verfolgt. Wenn sie in eine virtuelle Realität eintauchen, erscheint ihnen diese unter Umständen als real. Das kann massive Reaktionen auslösen und Wahnvorstellungen sogar verstärken.
Gibt es also zu viele ungeklärte Risiken, um die virtuelle Realität in der Therapie einzusetzen?
Nein. Aber man muss sie mit der klassischen Psychotherapie kombinieren. Zudem könnte man solche Programme in der Ausbildung von Psychotherapeuten einsetzen, um ihnen zu ermöglichen, in die Welt der Patienten einzutauchen. Wenn ein Therapeut etwa in die Haut eines Schizophrenen schlüpft, kann er dessen innere Zerrissenheit und verzerrte Realitätswahrnehmung sowie die damit verbundene Angst selbst erleben – und besser verstehen, wie sie sich überwinden lässt.





