Stechmücken und Gnitzen (Culicoides) gelten schon länger als Hauptüberträger von Viren der Gattung Orthobunyavirus. Diese RNA-Viren befallen primär Wiederkäuer wie Rinder. Einige wenige Arten, darunter das in Südamerika vorkommende Oropouche-Virus, lösen aber auch beim Menschen Krankheiten aus. Verbreitet sind Orthobunyaviren vor allem in tropischen Regionen Afrikas, Südamerikas und Asiens. Doch in jüngster Zeit treten immer wieder Varianten dieser Virengattung auch in Europa auf, wie das Rinder befallende Schmallenberg-Virus im Jahr 2011.
Neuartige Epidemie unter Rindern
So auch jetzt: Gleich zwei neue Virenvarianten breiten sich in diesem Sommer in Mitteleuropa aus. Beide befallen vor allem Rinder, sind aber für uns Menschen nicht gefährlich. Bereits im Juni 2026 hatten Tierärzte und Bauern in Süddeutschland, Frankreich und der Schweiz eine akute Erkrankung bei Milchkühen gemeldet. Die Tiere entwickelten Fieber und Durchfall und gaben weniger Milch, oft waren ganze Herden infiziert. Bis Ende Juli waren allein in Baden-Württemberg mehrere hundert Bauernhöfe betroffen.
„Die Erkrankungsrate innerhalb der Herden war sehr hoch, meist waren alle Tiere betroffen. Todesfälle gab es jedoch nicht“, berichten Kerstin Wernike vom Friedrich-Loeffler-Institut in Greifswald und ihre Kollegen. Wegen dieser hohen Durchseuchung fiel der Verdacht sehr schnell auf eine von Stechinsekten übertragene Infektion. „Die Jahreszeit und die schnelle Ausbreitung legten dies nahe“, so die Forschenden.
Erste Ausbreitung eines Shamonda-Virus in Europa
Die Analyse von Proben infizierter Tiere brachte dann Gewissheit: Die neue Rinderkrankheit wird von einer neuen Variante des Shamonda-Virus verursacht, einer zuvor nur aus den Tropen bekannten Art der Orthobunyaviren. Dieser Erreger wurde erstmals Mitte der 1960er Jahre in Nigeria nachgewiesen und kommt auch in anderen Regionen Afrikas und Asiens vor. Den Genanalysen zufolge ist das seit 2026 in Deutschland verbreitete Shamonda-Virus mit dem Schmallenberg-Virus verwandt, unterscheidet sich aber genetisch deutlich.
In Mitteleuropa tritt das Shamonda-Virus nun zum ersten Mal auf. „Das Auftreten eines weiteren Virus dieser Verwandtschaftsgruppe in den Rinderpopulationen könnte bedeutende epidemiologische und tierärztliche Auswirkungen haben“, erklären Wernike und ihre Kollegen. Das Virus verursacht bei Wiederkäuern grippeähnliche Symptome und kann in seltenen Fällen auch zu neurologischen Komplikationen führen. Werden trächtige Tiere infiziert, entwickeln die Föten schwere Fehlbildungen oder werden tot geboren.
Ende August waren von diesem Virus Rinder, Schafe und Ziegen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern, dem Saarland und Sachsen betroffen. Auch bei Pferden und einem Alpaka wurde der Erreger nachgewiesen. Übertragen wird das neue Shamonda-Virus primär durch Gnitzen, möglicherweise auch durch Stechmücken.
Zweite Shamonda-Variante nachgewiesen
Anfang September 2026 hat das Friedrich-Loeffler-Institut auch Infektionen mit einer zweiten Variante des Shamonda-Virus in Deutschland gemeldet. Diese zweite Shamonda-Variante wurde in Rinderproben aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Thüringen entdeckt. Genanalysen zufolge unterscheidet sich dieses SHAV-EU2 getaufte Virus in allen drei Genomsegmenten von der ersten Variante (SHAV-EU1). „Es handelt sich daher bei dem derzeitigen Seuchengeschehen um zwei unabhängige Ereignisse, die sich in manchen Bundesländern bereits überschneiden“, berichtet das Institut.
Noch ist unklar, ob auch das zweite, sich neu in Deutschland ausbreitende Shamonda-Virus nur Rinder befällt oder auch andere Wiederkäuer. Ob auch diese Virusvariante bei Infektion trächtiger Kühe Fehlbildungen der Kälber auslöst, ist ebenfalls noch nicht geklärt. Die Tiermediziner halten es aber für wahrscheinlich.
Herbst bremst Ausbreitung
Immerhin gibt es auch eine gute Nachricht: Weil beide Shamonda-Virenvarianten durch Gnitzen und Stechmücken übertragen werden, dürften sich die Infektionen mit dem kühleren Wetter im Herbst verringern. Hinzu kommt: Wurde ein Tier schon einmal mit dem Virus infiziert, ist es künftig immun und kann nicht noch einmal erkranken.
Quelle: Friedrich-Loeffler-Institut Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, Steckbrief Shamonda-Virus; bioRxiv-Preprint, 2026; doi: 10.64898/2026.08.06.743243





