In Deutschland leben gut 80.000 Menschen mit einer HIV-Infektion, weltweit sind es mehr als 30 Millionen. Zwar ist die Diagnose HIV im Gegensatz zu den 1980er Jahren heute kein Todesurteil mehr, denn es gibt inzwischen Medikamente, die die Vermehrung des HI-Virus im Körper effektiv hemmen. Einige dieser Therapien wirken sogar so gut, dass die Viren nicht mehr nachweisbar sind und HIV-Infizierte deshalb selbst bei ungeschütztem Sex nicht ansteckend sind. Doch um eine solche Wirkung zu erzielen, müssen Betroffene diese Mittel täglich einnehmen, meist sogar einen ganzen Cocktail verschiedener Wirkstoffe. Dies erfordert viel Disziplin und verursacht auch Nebenwirkungen. Hinzu kommt, dass die Wirksamkeit durch die Entwicklung von Resistenzen mit der Zeit nachlassen kann. Wissenschaftler suchen deshalb schon seit längerem nach Wirkstoffen, die anhaltender wirken und weniger häufig eingenommen werden müssen.
Angriff am viralen Kapsid
Ein solches Mittel könnten nun John Link von Gilead Sciences und seine Kollegen gefunden haben. Sie haben im Rahmen ihrer Arbeit nach molekularen Wirkstoffen gesucht, die nicht wie bisherige Medikamente an einem oder mehreren Enzymen des Aids-Virus ansetzen, sondern an seinem Kapsid. Diese aus Proteinen bestehende Kapsel umhüllt das Virenerbgut und spielt eine wichtige Rolle beim Einschleusen der viralen DNA in den Zellkern der Wirtszelle. “Die korrekte Bildung und die Integrität des Kapsids sind daher essenziell für die Infektiosität des Virus”, erklären die Forscher. Der von ihnen entwickelte Wirkstoff GS-6207 bindet jedoch an die Proteine des HIV-Kapsid und stört so dessen Funktion. Dadurch kann das Virus seine genetischen Bauanleitungen nicht mehr ungehindert in den Zellkern einschleusen. In Zellkulturversuchen reichten schon relativ geringe Konzentrationen des Mittels aus, um die viralen Kapside zu deformieren und so die Neubildung von funktionsfähigen HI-Viren zu verhindern.
In weiteren Laborexperimenten erwies sich GS-6207 als wirksam gegen alle getesteten Stämme von HIV-1 und auch gegen zwei Varianten des Subtyps HIV-12, der vor allem in Westafrika vorkommt. Weil der Wirkstoff an einer anderen Stelle im Vermehrungszyklus des HI-Virus ansetzt als bisherige Medikamente, hemmt er auch die Virenstämme, die schon gegen die gängigen Therapien resistent sind, wie Link und sein Team berichten. “Wenn GS-6207 mit anderen antiretroviralen Mitteln kombiniert wird, zeigt es Synergieeffekte und demonstriert seine Eignung für Kombinationstherapien.” Eine solche Kombination von Substanzen mit unterschiedlichen Wirkmechanismen und Ansatzstellen gilt als effektivste Möglichkeit, die Entwicklung resistenter Virenvarianten so lange wie möglich zu unterdrücken.





