Bauchspeicheldrüsenkrebs gehört zu den aggressivsten und am schwersten zu bekämpfenden Krebsarten: Wenige Betroffene überleben länger als ein Jahr nach der Diagnose, die Überlebensrate nach fünf Jahren liegt nur bei sieben Prozent. Selbst eine Kombination mehrerer Chemotherapeutika kann das Fortschreiten der oft inoperablen Tumoren nur selten aufhalten. Zudem verursacht ein Pankreaskarzinom anfangs kaum spezifische Symptome, dadurch wird der Krebs oft erst erkannt, wenn er schon Metastasen gebildet hat.
Hemmstoff gegen mutierte RAS-Onkogene
Doch jetzt gibt es einen möglicherweise entscheidenden Fortschritt: Ein Forschungsteam um Eileen O’Reilly vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York hat einen Wirkstoff entwickelt und getestet, der an einem Haupttreiber für aggressiven Pankreaskrebs ansetzt, einem sogenannten RAS-Onkogen. Dieses Gen ist bei 90 Prozent der Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs mutiert und dadurch überaktiv. Die Folge sind überschießendes Wachstum und die Entartung der Zellen.
Der neu entwickelte Wirkstoff Daraxonrasib hemmt die Signalwege des mutierten RAS-Onkogens. Er wird nicht als Infusion gegeben, sondern täglich als Tablette eingenommen. Wie gut dieses Mittel im Vergleich zu einer gängigen Chemotherapie wirkt, haben O’Reilly und ihr Team nun in einer klinischen Studie der Phase 3 mit 500 Patienten getestet. Alle Teilnehmenden litten unter metastasiertem Pankreaskrebs und hatte bereits eine erste Chemotherapie hinter sich. Die Hälfte von ihnen erhielt nun Daraxonrasib, die andere ein zweites Chemotherapeutikum, wie bisher üblich.
Verdoppelte Überlebenszeit, weniger schwerwiegende Nebenwirkungen
Das Ergebnis war eindeutig: Die Krebspatienten, die Daraxonrasib erhalten hatten, überlebten rund doppelt so lange wie diejenigen mit der gängigen Chemotherapie – 13,2 Monate statt nur 6,7 Monate. Auch das weitere Wachstum des Bauchspeicheldrüsenkrebses und der Metastasen wurde signifikant gebremst, wie die Forschenden berichten: Bei rund 32 Prozent der mit Daraxonrasib behandelten Krebspatienten schrumpften die Tumore oder verschwanden sogar, bei der Chemotherapie geschah dies nur bei gut elf Prozent.
Positiv auch: Zwar verursacht Daraxonrasib ebenfalls Nebenwirkungen wie Durchfälle, Übelkeit, Hautausschläge und Schleimhautentzündungen. Diese waren aber weniger schwerwiegend als bei der gängigen Chemotherapie. „Nebenwirkungen, die zu einem Abbruch der Therapie führten, traten nur bei 1,2 Prozent der Patienten auf, in der Chemotherapiegruppe waren es 11,2 Prozent“, berichten O’Reilly und ihr Team. Insgesamt berichteten die mit Daraxonrasib behandelten Patienten von einer verbesserten Lebensqualität.
„Paradigmenwechsel für das Pankreaskarzinom“
„Diese Studie stellt einen Paradigmenwechsel für das Pankreaskarzinom dar“, kommentiert der nicht an der Studie beteiligte Onkologe Dieter Saur, Professor für Translationale Tumorforschung an der Technischen Universität München (TUM) und am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg. „Zum ersten Mal sehen wir in einer großen randomisierten Phase-III-Studie, dass die direkte pharmakologische Hemmung von RAS bei vorbehandeltem metastasiertem Pankreaskarzinom einen sehr deutlichen Überlebensvorteil gegenüber Chemotherapie bringt.“
Ähnlich positiv sieht es auch das Forschungsteam: „Seit vielen Jahren suchen wir nach einer Methode, um mutierte RAS-Onkogene bei Pankreaskrebs zu blockieren“, sagt Seniorautor Brian Wolpin vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston. „Dies ist das erste Medikament, das RAS breit wirksam hemmt und das das Potenzial hat, vielen Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs zu helfen.“
Zulassung könnte bald erfolgen
Weil mehr als 90 Prozent der Pankreaskrebspatienten Mutationen in einem RAS-Onkogen tragen, könnte der neue Hemmstoff der Mehrheit der Betroffenen klare Überlebensvorteile bringen, sagen die Forschenden. „Es ist eine Therapie, die für fast alle Patienten mit metastasiertem Pankreaskrebs relevant sein könnte“, sagt Wolpin. „Wenn dieser Wirkstoff von der Arzneimittelbehörde FDA zugelassen wird, könnte dies zu einem dramatischen Wandel in der Behandlung des Bauchspeicheldrüsenkrebses führen.“
Nach Ansicht von Experten könnte die Zulassung von Daraxonrasib relativ schnell erfolgen. In den USA hat die Arzneimittelbehörde dem Wirkstoff aufgrund der überzeugenden Studienergebnisse schon den Status einer Breakthrough Therapy und einer Orphan Drug verliehen. Zudem hat die FDA bereits die Genehmigung erteilt, Daraxonrasib noch vor der formalen Zulassung ausgewählten Patienten in einem kontrollierten und überwachten Rahmen zu verabreichen. „Das ist noch keine reguläre Zulassung – zeigt aber, dass die Behörde den hohen medizinischen Bedarf und die Bedeutung der Daten anerkennt“, sagt Saur.
Nach Ansicht des Onkologen könnte der Wirkstoff Daraxonrasib schon bald auch Krebspatienten in Europa zugutekommen. „Wenn die Daten von den Zulassungsbehörden bestätigt werden, erwarte ich, dass Daraxonrasib sehr rasch zu einer neuen Standardoption in der Zweitlinientherapie des metastasierten Pankreaskarzinoms wird – insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit RAS-G12-mutierten Tumoren“, erklärt Saur.
Hoffnung auch für andere Krebsarten
Mutationen im RAS-Onkogen kommen nicht nur bei Bauchspeicheldrüsenkrebs vor, sondern gelten auch bei anderen Krebsarten als Treiber. So zeigt rund die Hälfte der Dickdarmtumoren solche RAS-Mutationen, auch beim nichtkleinzelligen Lungenkrebs und anderen soliden Tumoren kommt diese Mutation vor. Erste klinische Studien zur Wirkung von Daraxonrasib gegen nichtkleinzelligen Lungenkrebs laufen bereits.
„Angesichts seiner Fähigkeit, mutierte und nichtmutierte Proteine der RAS-Onkogene zu hemmen, hat Daraxonrasib eine breite Anwendbarkeit, die es so vorher nicht gab“, sagt Wolpin.
Quelle: Eileen O’Reilly (Memorial Sloan Kettering Cancer Center, New York) et al., New England Journal of Medicine, 2026; doi: 10.1056/NEJMoa2605555





