Der Begriff „Wikinger“ stammt aus dem Altnordischen und bedeutet übertragen „Seekrieger“. Es ist daher eigentlich gar nicht richtig, von „Wikingern“ in Island und Grönland zu sprechen. Denn es waren keine Seeräuber und Piraten, die sich dort spätestens vom Ende des 9. Jahrhunderts an niederließen, sondern vorwiegend aus Westnorwegen kommende Bauern. Die Isländer selbst sahen sich auch nur ungern als Wikinger, sondern in erster Linie als freiheitsliebende Bauern, die sich den Bestrebungen König Harald Schönhaars, die norwegischen Kleinkönigtümer zu einem Reich zu vereinigen, nicht beugen wollten: „In den letzten Jahren Ketils wuchs die Macht König Harald Schönhaars derart, dass kein Distriktskönig und kein anderer der großen Männer gedeihen konnte, außer mit Billigung des Königs. Als Ketil erfuhr, dass König Harald ihm Ähnliches zugedacht hatte wie den anderen Männern des Reichs, … da sprach er so: ‚Es scheint mir, als hätten wir nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, aus dem Land zu fliehen oder jeder an seinem Platz erschlagen zu werden‘.“
Solche Zitate finden sich vielfach in der Saga-Literatur. Sie weisen darauf hin, dass sich die Isländer zur Legitimation ihrer Auswanderung aus Norwegen einen Geschichtsmythus zusammengezimmert hatten, der, verkürzt ausgedrückt, aus den landsuchenden Wirtschaftsflüchtlingen im Nordatlantik mit der Zeit freiheitsliebende, einen Zentralkönig ablehnende politische Flüchtlinge machte. Trotz dieser noch heute die isländische Historiographie bestimmenden Geschichtsfiktion ist es eine Tatsache, dass viele Norweger schon vor Harald Schönhaar das Land verließen, sich auf den nordatlantischen Inseln um Schottland (Hebriden, Orkneys, Shetlands), in Nordschottland selbst und auch in Nordirland niederließen, um teilweise später, noch nach Generationen, ihr Glück auf den Färöern, Island und Grönland zu suchen. Hier gab es mehr freies, unbebautes Land als im Süden, das Klima war in der Wikingerzeit wärmer als selbst heute, und die Versuchung der Besiedlung eines „neuen“ Landes war für verarmte Bauern ebenso groß wie für ausgesprochene Abenteurernaturen.
Allerdings war es mit der Jungfräulichkeit der Insel Island nicht so weit her, wie uns die Geschichtsromane des Mittelalters glauben lassen wollen: die „Landnámabók“ („Landnahmebuch“) berichtet, dass die ersten Siedler auf irische Mönche gestoßen seien, die aber auf der Suche nach Einsamkeit daraufhin die Insel verlassen hätten. Die ebenfalls erwähnte Tatsache, dass die Mönche ihre Glocken und Bücher zurückgelassen hätten, deutet allerdings auf einen etwas weniger friedlichen Abgang der irischen Einsiedler: Denn dass ein irischer Mönch seine wertvollen Bücher ohne Not zurückgelassen hätte, klingt äußerst unwahrscheinlich.
Wie dem auch sei: Island wurde angeblich zwischen 850 und 860 von einem norwegischen Wikinger namens Naddoðr entdeckt, der eigentlich unterwegs zu den westschottischen Hebriden war. Eine andere Tradition spricht die Entdeckung dem Schweden Garðar Svavarson zu, wieder eine andere einem Norweger namens Floki Vilgerðarson. Besiedelt wurde die Insel jedoch zufolge der mittelalterlichen isländischen Geschichtsschreibung um 870 zuerst vom Norweger Ingólfr Arnarson. Diesen Berichten folgt noch die moderne isländische Geschichtswissenschaft. Doch wie sind dann die Grundrisse von typisch skandinavischen Langhäusern zu werten, die sich in Reykjavík und auf den im Süden vorgelagerten Vestmannaeyjar gefunden haben und die unter der Lavaschicht von einem Vulkanausbruch aus dem 7. Jahrhundert liegen? Diese müssten, wenn die Untersuchungen richtig sind, zu einer um mindestens 200 Jahre früheren Besiedlungsphase gehören, was aber in den mittelalterlichen Quellen nirgends erwähnt wird. In Island wird diese Frage heiß diskutiert, und das letzte Wort ist sicher noch nicht gesprochen. Unter den Siedlern waren norwegische Heiden, aber auch solche, die schon in Schottland oder Irland den christlichen Glauben angenommen hatten. Mangels einer kirchlichen Infrastruktur galt Island zwar als heidnisch, aber dass das Christentum ganz ausgestorben wäre, bis Ende des 10. Jahrhunderts wieder Missionare auf die Insel kamen, ist nicht sehr wahrscheinlich. Immerhin galt bei der Gründung des Al-things, einer gesetzgebenden und gesetzsprechenden Versammlung der freien Bauern, die 930 gegründet wurde, heidnisches Recht. In Verbindung mit dem völligen Mangel einer Exekutive – Island hatte ja keinerlei Fürsten oder sonstige Staatsoberhäupter – führte dies zu einer Reihe von langandauernden Familienfehden, bei denen die Blutrache eine bedeutende Rolle spielte, wie uns die großartigen isländischen Familiensagas, historische Romane erster Güte, eindringlich schildern. An der Blutrache und den Familienfehden, die auch nach der recht friedlichen Einführung des Christentums im Jahr 1000 andauerten, zerbrach letztendlich im 13. Jahrhundert auch der isländische Freistaat, und Island kam unter die norwegische Krone…




