Eigentlich gehört das Coronavirus Sars-CoV-2 zu den eher langsam mutierenden Viren: Im Schnitt entwickeln sich nur ein bis zwei Mutationen pro Monat, die sich in der Virenpopulation halten und dann neue Zweige am genetischen Stammbaum des Coronavirus bilden. Zu solchen schon bekannten Varianten von Sars-CoV-2 gehört der sogenannte G614-Stamm, eine Mutante, die im frühen Frühjahr entstanden ist und inzwischen zur weltweit dominanten Form geworden ist. Im Sommer 2020 hat sich zudem in Spanien der Stamm 20A.EU1 etabliert, der von Urlaubsrückkehrern auch in weitere europäische Länder eingeschleppt wurde. Erst vor wenigen Wochen sorgten zudem mutierte Coronavirus-Varianten für Besorgnis, die sich auf dänischen Nerzfarmen entwickelten und dann wieder auf Menschen zurückübertragen wurden. Diese
“Cluster 5”-Mutante lief sich aber relativ schnell tot und scheint inzwischen aus der menschlichen Population wieder verschwunden zu sein.
Ungewöhnlich viele Mutationen auf einmal
Jetzt gibt es Nachrichten von einer weiteren neuen Variante des Coronavirus. Dieser B.1.1.7. getaufte Virenstamm wurde am 20. und 21. September 2020 erstmals in Proben aus Südengland und London nachgewiesen. Inzwischen lassen sich in Großbritannien mehr als 1600 Fälle eindeutig diesem Stamm zuordnen, Epidemiologen gehen aber von weit mehr Infektionen mit B.1.1.7. aus. Nach Angaben von Patrick Vallance, dem wissenschaftlichen Chefberater der britischen Regierung, machte dieser Virenstamm Mitte November noch rund 26 Prozent der getesteten Fälle aus. In der zweiten Dezemberwoche hatte sich dieser Anteil schon stark erhöht. “In London gehörten bereits 60 Prozent aller Fälle zu dieser neuen Virus-Variante”, so Vallance am Sonntag bei einer Pressekonferenz.
Wie ein Forscherteam um Andrew Rambaut von der University of Edinburgh festgestellt hat, zeichnet sich dieser neue Stamm von Sars-CoV-2 durch eine ungewöhnliche Häufung von Mutationen aus. Demnach unterscheidet er sich durch 14 ausgetauschte Aminosäuren und drei komplett weggefallene Proteinbausteine vom Sars-CoV-2-Urtyp. “Eine solche Ansammlung von 14 linienspezifischen Aminosäure-Wechseln ist im globalen Genbestand der Covid-19-Pandemie bislang beispiellos”, so die Forscher. Sie vermuten, dass sich dieser Stamm in einem immungeschwächten Patienten mit chronischer Infektion entwickelt haben könnte. Bei diesen Patienten kann sich die Coronavirus-Infektion über Monate hinziehen, ihre Virenlast ist meist hoch. Werden diese Patienten dann noch mit Antikörper-haltigem Rekonvaleszenten-Plasma behandelt, kann dies dazu führen, dass in ihnen vor allem die besonders fitten und vermehrungsstarken Virenvarianten überdauern – und auf andere übertragen werden.





