Lange galt die Vorliebe für Sexualpartner gleichen Geschlechts als krankhafte Anomalie, als psychische Störung oder schlicht als kriminell. Heute aber ist klar, dass die Homosexualität eine natürliche Variante unserer sexuellen Orientierung ist – und dass ihre Wurzeln bis ins Tierreich reichen. Was jedoch bestimmt, ob sich ein Mensch eher von Frauen, von Männern oder von beiden angezogen fühlt, ist bis heute rätselhaft. Klar scheint, dass unsere Vorliebe für gleichgeschlechtliche oder gegengeschlechtliche Partner sowohl von psychosozialen Einflüssen geprägt ist wie von biologischen. Aus der Häufung von Homosexualität in Familien und bei eineiigen Zwillingen schließen Wissenschaftler, dass etwa 30 Prozent der sexuellen Orientierung auf genetischen Faktoren beruhen könnte.
Fünf auffällige Genvarianten
Schon seit einigen Jahren suchen Forscher daher gezielt nach Genvarianten, die die Neigung zu gleichgeschlechtlichen Partnern fördern könnte. Im Jahr 2017 wurde eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS) fündig: Forscher entdeckten zwei Genvarianten, die bei schwulen Männern etwas häufiger auftraten als bei heterosexuellen. Allerdings: “Solche Studien basierten bisher auf eher kleinen Teilnehmerzahlen und erfüllten auch nicht die aktuellen Standards für eine Signifikanz”, erklären Andrea Ganna vom Center for Genomic Medicine des Massachusetts General Hospital in Boston und sein Team. Sie haben deshalb in der bisher größten Studie dieser Art erneut nach Genvarianten gesucht, die die sexuellen Vorlieben von Menschen beeinflussen. Dafür verglichen die Forscher Millionen von einzelnen Genbuchstaben bei insgesamt mehr als 470.000 Männern und Frauen aus Großbritannien und den USA. In einem umfangreichen Fragebogen waren alle Teilnehmer danach gefragt worden, ob und wo oft sie Sex mit gleichgeschlechtlichen Partnern hatten beziehungsweise haben.
Das Ergebnis: “Wir haben fünf Marker identifiziert, die mit gleichgeschlechtlichem Verhalten verknüpft sind”, berichten die Forscher. Nur zwei dieser Genvarianten erreichten jedoch bei beiden Geschlechtern eine genomweite Signifikanz. Von den anderen drei Genmarkern waren zwei nur bei Männern, einer nur bei Frauen auffällig. “Das ist bemerkenswert, denn die meisten anderen bisher untersuchten genetischen Veranlagungen haben deutlich höhere Überlappung zwischen den Geschlechtern”, sagen Ganna und seineKollegen. “Das deutet daraufhin, dass die genetische Architektur für das Sexualverhalten nur in Teilen von beiden Geschlechtern geteilt wird.”
Wie wirken diese Genmarker?
Zudem ergaben die Analysen, dass jeder einzelne dieser fünf Genmarker für sich genommen nur einen sehr geringen Effekt auf die sexuelle Vorliebe hat: Jeder dieser Genmarker trat bei Teilnehmern mit gleichgeschlechtlichem Verhalten weniger als ein Prozent häufiger auf als bei heterosexuellen. “Wenn man jedoch alle Genvarianten zusammen betrachtet, erklären sie zwischen acht und 25 Prozent der Unterschiede im Sexualverhalten”, berichten die Forscher. “Diese Diskrepanz zwischen dem Einfluss der einzelnen Genvarianten und allen zusammen deutet daraufhin, dass das gleichgeschlechtliche Sexualverhalten – wie die meisten komplexen menschlichen Eigenschaften – durch kleine, sich addierende Effekte vieler genetischer Varianten beeinflusst wird.” Neben den fünf jetzt identifizierten Genmarkern spielen demnach höchstwahrscheinlich noch viele weitere, in der Analyse nicht entdeckte Genvarianten eine Rolle, wie die Wissenschaftler erklären.





