Zahlreiche Menschen weltweit leiden unter chronischen Schmerzen und sind auf Schmerzmittel angewiesen; in den USA betrifft dies beispielsweise ein Drittel der Bevölkerung. Allein Rückenschmerzen belasten weltweit rund 600 Millionen Menschen. Dagegen verschrieben werden in den USA häufig Opioide wie Morphin, Codein oder Fentanyl, die jedoch süchtig machen und eine immer höhere Dosierung erfordern, um den Schmerz zu lindern. Jedes Jahr sterben dadurch über 80.000 Menschen in den USA an einer Opioid-Überdosis. Forschende suchen daher seit langem nach alternativen Wirkstoffen zur Schmerzlinderung, die sicherer in der Anwendung sind.
Neues Schmerzmittel ohne typische Nebenwirkungen
Ein Team um Ran Guo von der Duke University in North Carolina hat nun ein solches Schmerzmittel entwickelt und in Tierversuchen getestet. Der Wirkstoff mit der Bezeichnung SBI-810 zielt auf einen Rezeptor ab, der in Schmerzsensoren im ganzen Körper sowie in Nervenzellen im Rückenmark und Gehirn vorkommt: der Neurotensinrezeptor 1 (NTSR1). Im Gegensatz zu Opioiden, die mehrere zelluläre Nervensignalwege gleichzeitig ansprechen, wirkt SBI-810 über den Rezeptor NTSR1 gezielt nur auf einen spezifischen Schmerzlinderungsweg. Der Wirkstoff rekrutiert dabei ein Signalmolekül, das den NTSR1-Rezeptor auf den Nervenzellen verändert und so Schmerzsignale im Zellinneren abschwächt, wie Zelltests ergaben. Theoretisch dürfte dadurch bei Patienten weder ein berauschender Effekt noch eine Abhängigkeit auftreten. „Es ist ein vielversprechendes Ziel für die Behandlung von akuten und chronischen Schmerzen“, sagt Seniorautor Ru-Rong Ji von der Duke University.
Um dies zu überprüfen, testeten die Forschenden die Wirkung ihres neuen Schmerzmittels SBI-810 an Mäusen – mit Erfolg: Die Mäuse, denen SBI-810 verabreicht wurde, suchten weniger Schutz und schnitten weniger Grimassen – typische Anzeichen für Schmerzen bei den Nagern. In den Tests linderte der Wirkstoff demnach Schmerzen durch Stiche, Hitze und Kälte sowie durch chirurgische Schnitte, Knochenbrüche, Entzündungen und Nervenverletzungen – und das besser als einige bestehende Schmerzmittel, darunter das Nervenschmerzmittel Gabapentin und das moderne Opioid Oliceridin, wie das Team feststellte. Verabreichten Guo und seine Kollegen SBI-810 in Kombination mit niedrigen Dosen von Opioiden, verstärkte der Wirkstoff zudem die Schmerzlinderung der Opioide.
Gleichzeitig blieben die für Opioid-Schmerzmittel typischen Nebenwirkungen aus: Die Mäuse, denen wiederholt SBI-810 injiziert wurde, litten nicht unter Verstopfungen und benötigten mit der Zeit auch nicht höhere Dosen, um Schmerzen zu lindern. „Im Gegensatz zu Opioiden verursacht SBI-810 nach wiederholtem Gebrauch keine Toleranz“, betonen die Forschenden. Zudem kann SBI-810 sogar die Verstopfungen sowie die Sucht und Entzugserscheinungen nach anhaltender Opioidgabe reduzieren und dadurch beim Absetzen der Opioide helfen. Eine Sedierung oder Gedächtnisprobleme, die nach der Einnahme von Gabapentin häufig auftreten, konnten Guo und sein Team bei den mit SBI-810 behandelten Mäusen ebenfalls nicht feststellen.





