Unter Biologen galt es bisher als sicher, dass die Entwicklung der Körperachse bei allen vielzelligen Tieren gleich verläuft. Die Lehrbuchmeinung ist, dass die so genannten Hox-Gene das Wachstum vom Kopf bis zum Schwanz festlegen, immer gleich angeordnet sind und immer in der gleichen Reihenfolge abgelesen werden. Das Hox-System höherer Tiere hatte unter anderem Christiane Nüsslein-Volhard, die Leiterin des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen, untersucht. Für ihre Arbeit erhielt sie 1995 den Medizin-Nobelpreis. Die meisten Forscher gingen davon aus, dass auch bei niederen Tieren die Hox-Gene entsprechend funktionieren.
Dem widerspricht jetzt ein deutsch-amerikanisch-australisches Forscherteam um Bernd Schierwater von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Die Wissenschaftler wiesen nach, dass bei niederen Tieren keine Hox-Gene in vergleichbarer Funktion, Form oder Anordnung wie bei höheren Tieren existieren. Als sie verschiedene Nesseltiere (Cnidaria) untersuchten, entdeckten sie zum Beispiel: Ein Gen, das bisher bei höheren und niederen Tieren als identisch galt, trägt bei höheren Tieren die Information für die Ausbildung des Hinterendes, ist jedoch bei den Cnidaria für die Kopfbildung verantwortlich. Die Ergebnisse lassen Zweifel an der Hypothese aufkommen, alle höheren Tiere hätten sich aus Nesseltieren entwickelt.





