Gehörgangsextosen sind breite, rundliche Knochenvorsprünge, die in den Gehörgang hineinragen. Für diese knöchernen Wucherungen gibt es zwar eine Veranlagung, ihre konkrete Bildung aber hängt gängigem Wissen nach primär von Umweltreizen ab. Dabei scheint vor allem das wiederholte Eindringen von kaltem Wasser oder kaltem, feuchtem Wind in den Gehörgang diese Wucherungen zu begünstigen. Deshalb tritt dieses Phänomen besonders oft bei Wassersportlern wie Surfern, Kanuten oder Apnoetauchern auf – daher auch die Bezeichnung Surfer-Ohr. “Angesichts der Tatsache, dass die Häufigkeit dieser knöchernen Wucherungen bei heutigen Populationen vor allem ihre Umwelt in Kombination mit der ererbten Veranlagung widerspiegelt, könnte eine Untersuchung bei urzeitlichen Menschen in West-Eurasien Einblicke in die Krankheiten und Verhaltensweisen dieser Menschen geben”, sagen Erik Trinkaus von der Washington University in Saint Louis und seine Kollegen.
Wucherungen bei gut der Hälfte der Neandertaler
Die Überlegung der Forscher: Möglicherweise erlaubt das Vorkommen des Surfer-Ohrs bei urzeitlichen Vertretern des Homo sapiens und beim Neandertaler Rückschlüsse darauf, wie stark sie Gewässer und Küsten als Nahrungs- und Rohstoffquelle nutzten. Für ihre Studie analysierten Trinkaus und sein Team deshalb die Gehörgänge von 77 fossilen Menschen. Unter diesen waren neben fünf archaischen Menschenformen 23 Neandertaler, 21 Vertreter des Homo sapiens aus der späten Altsteinzeit und 28 Menschen aus der mittleren bis frühen Altsteinzeit. Die Häufigkeit und Stärke der bei diesen Proben gefundenen Gehörgangsextosen verglichen die Wissenschaftler dann mit 120 Beispielen moderner Menschen. Bei allen Vertretern berücksichtigen sie zudem den Breitengrad sowie die Nähe zu Binnengewässern oder Küsten.
Es zeigte sich: Unsere steinzeitlichen Vorfahren litten in etwa so häufig wie wir am Surfer-Ohr. In der mittleren und frühen Altsteinzeit kamen Gehörgangsextosen bei einem bis 30 Prozent der untersuchten Fossilien vor, bei den Vertretern des Homo sapiens aus der späten Altsteinzeit bei rund 20 Prozent. “Die Neandertaler dagegen zeigten ein außergewöhnlich hohes Ausmaß an Gehörgangsextosen”, berichten Trinkaus und sein Team. “Bei ihnen kam das Surfer-Ohr bei 56,5 Prozent der Proben vor.” Das sei im Vergleich zu modernen Menschen fast doppelt so häufig. Hinzu kommt, dass die Neandertaler nicht nur häufiger Knochenwucherungen im Gehörgang entwickelten, sondern dass diese auch stärker ausgeprägt waren als bei den Steinzeitmenschen.
Ursachen noch rätselhaft
Aber warum? Um das herauszufinden, untersuchten die Forscher, ob die von ihnen untersuchten Neandertaler möglicherweise besonders oft in Küstengebieten oder an Gewässern lebten. Doch das war nicht der Fall. “Isotopenanalysen deuten zudem darauf hin, dass die Neandertaler nur wenig Süßwasserwirbeltiere als Ressource nutzten”, berichten Trinkaus und sein Team. Aus früheren Studien ist jedoch bekannt, dass Gehörgangsextosen auch bei den Menschen häufiger auftreten, die in kalten, nördlichen Klimazonen leben. Doch die 23 Neandertaler aus ihrer Stichprobe kamen aus ganz unterschiedlichen Regionen Europas und Westasiens und lebten in verschiedenen klimatischen Bedingungen. “Es ist daher schwer, die große Häufigkeit der Gehörgangsextosen bei diesen Neandertalern mit klimatischen Faktoren in Verbindung zu bringen”, sagen die Forscher.





