Im Kampf gegen die Erderwärmung hat der Präsident des Weltklimagipfels am Montag in Den Haag die Staatengemeinschaft eindringlich zum raschen Handeln aufgerufen. “In der gesamten Menschheitsgeschichte hat sich das Klima niemals so schnell gewandelt wie heute”, sagte der niederländische Umweltminister, Jan Pronk, zum Auftakt der Konferenz von rund 170 Staaten mit mindestens 6.000 Teilnehmern. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, forderte in einem Grußwort einen radikalen Wandel der Wirtschaft, aber auch des individuellen Lebensstils. “Die Aufgabe vor uns ist gewaltig.”
Die Bundesregierung tritt für eine weitgehende Verpflichtung der reicheren Staaten zur eigenen Reduktion der Treibhausgase ein. “Wer jetzt noch auf Schlupflöcher beim Klimaschutz setzt, macht sich mitverantwortlich für die gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen”, sagte Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) in Berlin. Pronk betonte: “Die Treibhausgase, die wir produzieren, haben einen sichtbaren Effekt auf die Umwelt.” Küsten drohten, zu versinken. Es gebe immer mehr extreme Unwetter, Fluten und Dürren. Die Länder sollten nun die letzten nötigen Schritte zur Umsetzung des Klimaprotokolls von Kyoto gehen.
Annan forderte von den Industrieländern glaubhafte Schritte zum Klimaschutz. Sie sollten auch den ärmeren Staaten helfen, die Fehler der reicheren Länder nicht zu wiederholen. Außerdem sollten die Industriestaaten das überzeugende Signal an die Wirtschaft senden, dass sich die Verminderung von Treibhausgasen auszahlt.
Es gebe keinen Zweifel, dass sich das Klima wandelt, sagte Robert Watson, Vorsitzender des UN-Wissenschaftsrates zum Klimawandel (IPCC). Die wärmsten drei der vergangenen 100 Jahre lagen laut Watson alle in den 90er Jahren. Wenn nichts geschieht, sinkt laut IPCC die Nahrungsproduktion in den kommenden Jahrzehnten vor allem in Afrika, Südamerika, dem Nahen Osten und Indien. Watson verwies darauf, dass das IPCC eine Erwärmung von 1,5 bis sechs Grad bis zum Jahr 2100 vorausgesagt hat – fast das Doppelte der Vorhersagen von 1995. Der Meeresspiegel steigt nach den Prognosen um 15 bis 90 Zentimeter.
In der japanischen Stadt Kyoto hatten die Industriestaaten 1997 vereinbart, ihre wesentlichen Treibhausgase in den Jahren 2008 bis 2012 um 5,2 Prozent im Vergleich zu 1990 zu vermindern. Nun wird darum gerungen, auf welche Weise dies geschehen kann. Davor wollen die Industriestaaten das Kyoto-Protokoll nicht ratifizieren. Es tritt in Kraft, wenn es von mindestens 55 Staaten ratifiziert wurde, auf die zusammen mindestens 55 Prozent der Industriestaaten-Emissionen entfallen. Strittig ist vor allem, bis zu welchem Umfang die Industriestaaten die schädlichen Stoffe selbst vermindern müssen und inwieweit ihnen andere Wege zugestanden wird.
Nach dem Willen vor allem der USA sollen reichere Staaten ihre Pflicht zur Verminderung von Treibhausgasen etwa durch die Förderung von Umwelttechnik in ärmeren Staaten ableisten dürfen. Deutschland wird sich laut Trittin dafür einsetzen, dass die Industriestaaten eine eigene Verringerung von klimaschädlichen Gasen nicht durch Emissionshandel, Senken und Projekte im Ausland umgehen. Staaten ohne ausreichende Verringerung von Klimagasen sollten Geld in einen Sanktionsfonds zahlen, sagte Trittin im Westdeutschen Rundfunk (WDR).
Bremsern wie der USA zuliebe sollte man keine Schlupflöcher zulassen, sagte Christoph Bals, Klimaexperte der Umweltgruppe Germanwatch (Bonn) der dpa. Notfalls müsse das Kyoto-Protokoll auch ohne Zustimmung der USA unterzeichnet werden, forderte Jochen Flasbarth, Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). “Wachsende wissenschaftliche Beweise, dass sich das Klima bereits ändert, muss die Alarmglocken in jeder einzelnen Hauptstadt läuten lassen”, forderte der Chef der UN-Umweltbehörde UNEP, Klaus Töpfer.
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion warnte Trittin vor “falscher Selbstgerechtigkeit auf Grund deutscher Erfolge”. Ohne Kernenergie könnten die künftig notwendigen CO2-Reduktionen auf Dauer nicht erreicht werden, sagte der stellvertretende Fraktionschef Klaus Lippold. Die USA müssten ihre Treibhausgas-Emissionen rasch vermindern.
Mitglieder der deutschen Umweltgruppe Robin Wood wollten nach Angaben eines Sprechers am Montag das Dach des Kongresszentrums in Den Haag erklimmen, um ein Transparent zu entrollen. Die Polizei brach die Aktion ab. Greenpeace-Mitglieder halten seit vergangenem Samstag in Rotterdam ein Schiff mit Steinkohle aus Australien besetzt. Sie möchten, dass sich die Konferenz gegen Kohlekraftwerke ausspricht.
dpa





