In dieser Notlage übernahm Napoléon Bonaparte mit dem Staatsstreich vom 18. Brumaire (9. November 1799) die Macht, stellte den inneren Frieden wieder her, beendete den seit zehn Jahren andauernden Krieg, reorganisierte die staatlichen Institutionen, schuf ein modernes Rechtssystem und sicherte die wesentlichen Errungenschaften der Revo‧lution. Doch dann eilte der vom Ersten Konsul zum Kaiser der Franzosen aufgestiegene Retter wieder von Krieg zu Krieg, schwang sich zum Herrscher über Europa auf, musste nach verheerenden Niederlagen abdanken und Frankreich wieder den Bourbonen überlassen.
Die Frage nach den Gründen des Scheiterns durchzieht wie ein roter Faden die Napoleon-Forschung. Daran anknüpfend zeichnet Volker Hunecke weite Teile der fast 200-jährigen Debatte nach und lenkt den Blick auf die bisher nicht angemessen berücksichtigten verfassungsrechtlichen Grundlagen der napoleonischen Herrschaft. Sie zielte, wie im ersten Teil „Der Zivilist“ deutlich wird, von Anfang an auf die Errichtung einer von allen Verfassungsorganen unabhängigen Diktatur ab, die Napoleon schrittweise etablierte. Die Überantwortung der gesamten politischen Gewalt an einen Einzigen bildete einerseits die Voraussetzung für den erfolgreichen Aufbau eines modernen Staatswesens und die Formierung der Notabelngesellschaft, hatte aber andererseits die unbegrenzte Machtfülle Napoleons zur Folge. Bald wagte niemand mehr, dem Kaiser zu widersprechen oder gar sich ihm zu widersetzen, nicht einmal seine engsten Berater Talleyrand und Cambacérès.
Damit nahm, wie im zweiten Teil „Der Krieger“ ausführlich dargelegt, das Unheil seinen Lauf. Napoleon verlor den einst so ausgeprägten Realitätssinn, überspannte im Krieg gegen Spanien, im Kampf gegen England, im Feldzug in Russland und in den Freiheitskriegen die Kräfte. Das war die Konsequenz „einer Fehlgeburt seiner Verfassung: Denn diese hatte er selbst so konstruiert, dass sie seinem sprichwörtlichen Ehrgeiz (ambition) keine wirksamen Fesseln anlegte“. Diesem Urteil Huneckes ist ebenso vorbehaltlos zuzustimmen wie seiner Interpretation der Kontinuitätslinien. Diese verbinden über alle Brüche hinweg das Zeitalter der auf dem Fundament der „Charte constitutionelle“ errichteten Restauration mit dem der Französischen Revolution und des Empire.
Rezension: Prof. Dr. Helmut Berding




