In der Zeit der Billigflieger und Pauschalweltreisen, die es den Menschen ermöglicht, innerhalb kürzester Zeit die Erde zu umkreisen, benutzt Jostmann zwei Monate freier Zeit dazu, „die ewige Anziehungskraft Roms“ zu ermessen; „mit eigenen Schritten“. Seine Wanderung, die schließlich 53 Tage dauert und ihn über die Alpen und durch die Poebene in die ewige Stadt führt, ist eine Art Entschleunigungstherapie für den durch die Hektik der Welt gestraften Leser. Nicht für Jostmann, der benötigt keine Kasteiung wie man schon nach wenigen Seiten bemerkt. Er ist ein gefestigter, genügsamer Geist, der sich als „aufgeklärten Christ“ versteht. Ihn reizen an diesem Unterfangen die Überwindung, die Naturerfahrungen, die Begegnungen mit Menschen. „Pilgern ist eine Geste der Demut“, schreibt er „insofern hat es durchaus etwas Religiöses.“ Jostmann ist kein fanatischer Katholik, der um seines Seelenheils willen pilgert, aber er unternimmt auch keinesfalls nur eine ordinäre Wanderung. Er begibt sich nicht auf die Pilgerreise um seinen inneren Frieden wiederzuerlangen oder gar dem Burnout-Syndrom zu entgehen, wie der berühmte deutsche Komiker, der mit seinem Reisebericht vom Jakobsweg lange Zeit die Bestsellerlisten anführte. Er lässt sich, wie die Pilger früherer Zeiten von einem Mönch einen Pilgerschein ausstellen, eine Art Empfehlungsschreiben für Romreisende, mit dessen Hilfe der Wallfahrer wie im Mittelalter in Gasthäusern, Pfarreien und Klöstern um Aufnahme hoffen kann. Er plant seine Reise so gut es geht anhand historischer Pilgerrouten aus alten Dokumenten und Chroniken und er krönt seine Fahrt mit einer Messe beim Papst.
Dazwischen findet der gelernte Historiker Jostmann viel Zeit, um die Landschaft zu beschreiben und sich in Lobeshymnen über die Schönheit der Berge und die Spiritualität des Wanderns zu ergehen. Vor allem aber schweift er von seinen Landschaftsbetrachtungen des Öfteren in die Geschichte ab, berichtet von Hermann von Barth, dem furchtlosen Erstbegeher vieler Karwendel-Gipfel und späteren Geologen in Afrika, von den Bergschlachten des Ersten Weltkriegs und den Alpenüberquerungen der deutschen Könige des Mittelalters, die sich vom Papst in Rom zum Kaiser krönen lassen wollten. Er erzählt von Begegnungen mit Menschen, die seinen Weg kreuzen und ihn beschäftigen und zieht aus diesen Erlebnissen viel Lesenswertes, wenn auch seine philosophischen Ergüsse des öfteren hinter seinen historischen zurückbleiben. („Wie kalt wäre die Welt ohne die Frauen.“)
Jostmanns Buch zu lesen lohnt sich aber trotzdem nicht nur für Leute, die ihm auf Pilgerpfaden folgen wollen, oder nach Wandererromantik lechzen. Es ist ein Buch für jedermann, denn Jostmann erzählt seine Geschichte sehr lebendig mit all den kleinen Details und Randnotizen, die man nur als Wanderer erlebt und die seinen Fußmarsch über die Alpen und durch Italien ebenso ereignisreich wie eine Weltreise, gleichzeitig aber so weltabgewandt und asketisch wie ein Einsiedlerdasein erscheinen lassen. „Die Wörter nah und fern bekommen einen anderen Sinn, wenn man zu Fuß geht“, bemerkt Jostmann schon zum Anfang seines Buches. Wenn man „Nach Rom zu Fuß“ gelesen hat, erscheint einem der Autor jedenfalls sehr nah.




