Nun gibt es aber heutzutage so viele Forschende mit so vielen Projekten und Projektideen wie niemals zuvor. Die Summe der öffentlich verfügbaren Forschungsbudgets kommt mit dieser Masse schon lange nicht mehr mit – nicht zuletzt aufgrund stagnierender Wirtschaft und knapper Haushalte. Was daraus zwangsläufig folgt, ist klar: Der Wettbewerb der Forschenden um die begrenzten Projektmittel ist zuletzt immer schärfer geworden. So scharf, dass das Beantragen von Projektmitteln im Rahmen von Förderausschreibungen inzwischen in einigen Fällen nicht nur absurde, sondern auch schädliche Ausmaße angenommen hat. Und ganz offenbar nehmen diese ungesunden Fälle weiter zu.
Erst Ende letzten Jahres skizzierte Gerhard Schweiger, Professor für Intelligente Systeme an der Technischen Universität Wien, im Fachmagazin Nature exemplarisch einen ganz besonders eindringlichen Fall. Konkret ging es um den Förderaufruf „GenAI for Africa“ im aktuellen EU-Förderprogramm „Horizon Europe“, in dem insgesamt fünf Millionen Euro für passende Projekte ausgeschüttet werden sollten. Der Programminhalt soll hier keine Rolle spielen, vielmehr aber die Tatsache, dass dafür insgesamt 215 Projektanträge bei der EU eingingen. Bewilligt wurden davon am Ende gerade mal zwei! Schweiger garnierte seine Darstellung mit dem Kommentar, dass die europäischen Steuerzahler somit am Ende wohl mehr Geld für die reine Förderprozedur ausgegeben haben dürften als für die bewilligte Forschung selbst.
Die Erfolgsquote für eine Projektbewilligung lag in diesem Beispiel folglich unter einem Prozent. Über 99 Prozent der Anträge wurden hingegen umsonst geschrieben, eingereicht und begutachtet. Nimmt man noch die legendär aufwendige Bürokratie dazu, die insbesondere die EU für das Beantragen von Forschungsanträgen verlangt, kann man sich ungefähr ausrechnen, wie viel Hirn- und Schreibschmalz hier am Ende völlig umsonst geflossen sind.
Viel Kapazität, wenig Budget
Jetzt kann man natürlich argwöhnen, dass das einfach nur dumm gelaufen sei – und keineswegs die Regel. Schließlich bewilligt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zumindest in ihrem Einzelförderungs-Verfahren immerhin ein knappes Drittel der Projektanträge. Das stimmt zwar. Jedoch wird es beispielsweise bei der EU gleich schon wieder enger: Im Jahr 2024 betrug die Erfolgsquote innerhalb des gesamten Horizon-Europe-Programms etwas über 16 Prozent. Und dies nicht, weil die übrigen 84 Prozent der Anträge alle schlecht waren. Ganz im Gegenteil, 56 Prozent der Anträge wurden im Begutachtungsverfahren sogar mit „high quality“ beurteilt – wie die EU explizit verlautbarte.
Auch dies spiegelt eindrucksvoll die absurd angewachsene Diskrepanz zwischen potenzieller Forschungskapazität und real verfügbarem Forschungsbudget wider – inklusive dem dadurch enorm verschärften Wettbewerb um Fördergelder. Schweiger geht mit seiner Analyse indes noch weiter, indem er schreibt, dass in Sachen Forschungsförderung mittlerweile generell eine Grenze überschritten wurde, die einige schon länger als „Szilard-Punkt“ bezeichnen. Hintergrund für diese Bezeichnung ist ein Essay des aus Budapest stammenden US-Atomphysikers Leo Szilard aus dem Jahr 1948. Unter dem Titel „The Mark Gable Foundation“ skizziert Szilard darin satirisch-kritisch ein fiktives Fördersystem, in dem der Aufwand für Verwaltung und Begutachtung derart stark anwächst, dass mehr wissenschaftliche Arbeitszeit mit der Organisation der Förderung verbraucht wird als mit Forschung selbst.





