Beim “Modell Deutschland” handelt es sich um die “spezifisch deutsche” Balance von Markt und Staat mit den Elementen Sozialstaatlichkeit und Mitbestimmung. Es ist als Slogan zudem eine Idealisierung der 1970er Jahre, ähnlich plakativ wie die negative Sicht auf die Entwicklung als Verfallsgeschichte in den letzten Jahren. Die Ursprünge des Modells reichen hingegen weit zurück. Sozialstaat und Föderalismus, gegenwärtig besonders stark in der Kritik, sind Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. Die Betrachtung ihrer Geschichte lässt ihre Reform umso wünschenswerter erscheinen.
Statt kurzatmiger Verfallsdiagnosen plädieren die Historiker Thomas Hertfelder und Andreas Rödder in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband für die längerfristige Betrachtung. Die verständlich geschriebenen Essays thematisieren, neben der ökonomischen Entwicklung, in historischer Perspektive die Möglichkeiten deutscher Außenpolitik und den Parlamentarismus ebenso wie die Geschichte der europäischen Integration oder den Umgang mit der NS-Zeit. Ohne in den Untergangschor einzustimmen oder sich einem der bekannten Erklärungsmuster zur Geschichte der BRD – Erfolgsgeschichten von Stabilität bis Liberalisierung – zu verschreiben, zeichnen die Autoren ein differenziertes Bild des Landes und seiner Einbindung in den internationalen Kontext. Nicht weniger als “die Situation der Bundesrepublik am Beginn des 21. Jahrhunderts” soll der Leser nach der Lektüre der Beiträge verstehen. Das Unternehmen ist ein voller Erfolg.
Rezension: Zimmermann, Till




