Gelähmter bewegt seine Beine wieder
2009 aber sorgte eine erste Pilotstudie der Forscher für Aufsehen. Für diese hatten sie Rob Summers, einem jungen Mann, der vom Brustkorb abwärts gelähmt war, ein Plättchen mit 16 Elektroden direkt ans Rückenmark implantiert. Per Druck auf ein Steuergerät sendete dieses Plättchen einen Stromimpuls an die Nervenleitungen direkt unterhalb der durchtrennten Stelle. Ziel war es, dadurch die Schaltkreise anzuregen, die für Reflexbewegungen zuständig sind und die ohne Zutun des Gehirns funktionieren. Denn möglicherweise könnte dies den Gelähmten zumindest einige Bewegungen wieder ermöglichen, so die Idee dahinter. Um das zu erreichen, kombinierten die Forscher diese Stimulation mit gezieltem Bewegungstraining für die Beine – mit Erfolg: Schon nach kurzer Zeit konnte Summer mit Hilfe dieser Stimulation einige Minuten ohne Hilfe stehen und nach ein paar Monaten einige Beinbewegungen bewusst steuern.
Aber ein einzelner Patient ist natürlich nicht sonderlich aussagekräftig. Zumal Summers zu den Gelähmten gehört, die trotz Lähmung noch einen Rest von Empfindung in ihren Gliedmaßen haben. Edgerton und seine Kollegen nahmen daher im letzten Jahr drei weitere Patienten in ihre Studie auf. Alle drei waren seit mehr als zwei Jahren querschnittsgelähmt, zwei davon motorisch und sensorisch – sie konnten ihre Beine weder bewegen noch spüren. Auch ihnen wurde das Elektrodenplättchen ans Rückenmark eingepflanzt und sie begannen mit der Kombination aus Bewegungstraining und Stimulation. Und auch bei ihnen zeigte die Behandlung Wirkung: Die Patienten konnten erstmals seit ihrer Lähmung wieder gesteuerte Bewegungen mit ihren Beinen ausführen, wie die Forscher berichten. Die Patienten konnten ihre Knie beugen und strecken und lernten sogar, die Intensität dieser Bewegungen zu regulieren.
Nebenleitungen mobilisiert
“Das Erstaunliche daran waren nicht nur die gezielten Bewegungen, sondern auch, dass wir diese schon in der ersten Woche der Stimulation sahen”, sagt Susan Harkema, Leiterin der Rehabilitationsforschung an der University of Louisville. Im Laufe des Trainings verbesserte sich dann die Genauigkeit der Bewegungen, aber auch die Kraft, mit der sie ausgeführt wurden, wie die Forscher berichten. Sie vermuten, dass die Stimulation schlafende Nebenleitungen mobilisiert, die nicht durchtrennt wurden, aber normalerweise nicht aktiv sind. “Die Tatsache, dass das Gehirn diese wenigen verbliebenen Verbindungen nutzen kann und dann darüber die komplizierte Sinnesinformation verarbeiten kann, ist ziemlich erstaunlich”, sagt Edgerton. Ebenfalls unerwartet war auch der Erfolg bei den beiden motorisch und sensorisch Gelähmten. Denn die Forscher hatten zuvor angenommen, dass mindestens eine sensorische Leitung noch intakt sein müsse, damit die Therapie funktioniert.





