Von THOMAS ZAUNER
Es fliegt und fleucht in der Atmosphäre. Luftplankton muss nicht mikroskopisch klein sein. Insekten, Spinnen und anderes Kleingetier, das durch den Wind emporgehoben wird, zählen auch dazu. Wie bei den Samen und Sporen von Pflanzen, Pilzen und Mikroben dient die Atmosphäre auch vielen Tierarten dazu, sich zu verbreiten. Damit entkommen sie dem Konkurrenzdruck ihrer Artgenossen und besiedeln neue, weit entfernte Lebensräume, die sie sonst nie erreichen würden. Manche dieser winzigen Passagiere der Thermik reisen damit sogar bis an die obere Grenze der Atmosphäre und darüber hinaus.
Fliegende Spinnen
Es ist ein goldener Herbsttag, man spaziert durch einen Park oder Wald, die Blätter strahlen in den schönsten Farben. Doch immer wieder kitzelt es auf der Nase. Spinnenseide klebt im Gesicht, sie fliegt überall herum.
Die Fäden stammen von fliegenden Spinnen. Aber wie geht das ohne Flügel? Viele Arten etwa der Baldachin- und Wolfsspinnen produzieren lange Fäden aus Spinnenseide, die den Wind nutzen. Dazu suchen sich die Tiere einen Aussichtspunkt und strecken ihr Hinterteil in die Höhe, während sie Seide als einzelne oder mehrfache Stränge produzieren. Wichtig ist, dass die Witterungsbedingungen stimmen. Spinnen bevorzugen üblicherweise trockenes Wetter mit einer sanften Brise. Weht der Wind zu sehr, kommen sie ins Trudeln und können nicht aufsteigen.
Mithilfe ihrer Seide können Spinnen Hunderte Kilometer zurücklegen und Höhen von 4.500 Metern erreichen. Das erklärt auch, wieso Spinnen unter den ersten Tieren auf neuen vulkanischen Inseln auftreten. Doch nicht nur die kleinsten Spinnenarten oder Jungtiere mit einem Gewicht von wenigen Milligramm können fliegen. Selbst Tiere mit bis zu 150 Milligramm Gewicht und mehr als einem Zentimeter Größe können sich mithilfe dutzender Fäden in die Lüfte erheben.
Lange Zeit fragten sich Forschende: Wie können die größeren Tiere trotz ihres Gewichts abheben? Wie schaffen sie es, dass sich die Seidenstränge nicht ineinander verheddern? Und wie lässt sich die beobachtete Geschwindigkeit beim Start erklären?
Elektrische Fäden
Eine Lösung brachte eine Studie aus dem Jahr 2018, in der Erica Morley und Daniel Robert von der University of Bristol zeigten, wie Spinnen die elektrischen Felder in der Atmosphäre nutzen.
In der Atmosphäre gibt es je nach Wetterlage größere oder kleinere elektrische Spannungen, die etwa 100 bis mehrere Tausend Volt pro Meter reichen können. Spinnen fühlen diese Spannung mit ihren Härchen und nutzen sie, um ihre Seidenfäden elektrisch aufzuladen. Dadurch stoßen sich die Fäden gegenseitig ab und verheddern sich nicht ineinander. Zusätzlich erzeugen sie damit eine abstoßende Kraft vom geladenen Boden, die ihnen hilft, zu fliegen. Mit solchen Tricks können Spinnen sogar in Millionenzahl aufsteigen und in großen Wolken davonfliegen, um etwa Überschwemmungen zu entfliehen. Doch nicht nur Spinnen schweben frei in mehreren Kilometer Höhe.





