Ich ritt allein durch Jerusalem – die Straße war voll von Touristen und Eselkarawanen“, schrieb die unerschrockene britische Orientreisende Gertrude Bell am 20. März 1900 an ihren Vater. Esel? Spricht man heute von Karawanen, sieht man vor dem inneren Auge majestätisch „in der gleichen feierlichen Haltung inmitten der endlosen leeren Räume“ dahinschreitende Kamele, wie es in dem Bericht Henri de Bouillane de Lacostes über seine Reise in Zentralasien heißt. Die viel unscheinbareren Esel, die dank ihres konkav gebogenen Rückgrats so erstaunliche Lasten tragen können, blicken aber ebenfalls auf eine lange Geschichte als Karawanentiere zurück. In Asien wie in Nordafrika setzte man sie neben Kamelen, Maultieren und Pferden ein.
Eselkarawanen gab es sogar in Regionen, die dafür aus klimatischen Gründen eher ungeeignet erscheinen: in den westlichen Wüsten Ägyptens. Dort kennt man Kamele erst seit dem 5. Jahrhundert v. Chr., in pharaoni‧scher Zeit nutzte man Esel, um die Verbindung zwischen dem Niltal und den verschiedenen Oasen zu bewerkstelligen. So machte sich etwa Har-khuf, ein Gouverneur Oberägyptens in der 6. Dynastie (2347–2216 v. Chr.), mit einer Karawane von 300 Eseln auf, den Westsudan zu erforschen. Das Kamel gelangte erst mit den persischen Eroberern nach Ägypten, als der Achämenide Kambyses II. 525 v. Chr. die Truppen des Pharaos besiegte. Bis zum Siegeszug des Automobils im 20. Jahrhundert kamen jedoch weiterhin auch Esel zum Einsatz, selbst wenn man für sie Wasser mitführen musste.
Kamele hingegen können sich bis zu sieben, im Winter sogar bis zu zehn Tagen mit der Flüssigkeit begnügen, die sie über die Pflanzen aufnehmen. In Arabien ritten die Beduinen vorwiegend weibliche Kamele, die dann weniger beladen waren als die Bullen, die nur als Packtiere dienten. Kam die Karawane gut voran, wurden etwa fünf Kilometer in der Stunde zurückgelegt, mussten steile Dünen überwunden werden, konnte es auch nur ein Kilometer sein.
Sorge um die Tiere bestimmte den Marschrhythmus. Von seinen Erlebnissen in der Arabischen Wüste berichtet der britische Forschungsreisende Wilfred Thesinger: „Manches Mal brachen wir morgens auf und erwarteten, gut vorwärtszukommen, gelangten unerwartet an einen guten Weideplatz und machten dort den ganzen Tag Halt. Ein anderes Mal planten wir einen Stopp an einer bestimmten Stelle, mussten bei der Ankunft aber feststellen, dass es keine Weidemöglichkeiten gab, und gingen weiter.“
Der Komfort der Reisenden hatte zurückzustehen. So ritten die Besitzer der Kamele nur einige Stunden am Tag und gingen ansonsten zu Fuß. Lieber quälten sie sich selbst als ihre Tiere. Laut Thesinger ging man, selbst wenn die Wasservorräte erschöpft waren, oft nicht bis zur nächsten Quelle weiter, sondern kampierte dort, wo die Tiere etwas zum Weiden fanden. Diese verstanden sich durchaus dar-auf, sich selbst zu schützen. Dazu Gertrude Bell in ihrem Tagebuch: „Die Kameltreiber berichteten, eines der Reitkamele habe sich vor sechs Stunden hingesetzt und wolle sich nicht mehr bewegen. Kamele machen das, wenn sie erschöpft sind. Du bist dann einfach hilflos. Wir schickten am nächsten Tag einen Mann los, um das Kamel zu holen …“




