Crucesignatus – mit dem Kreuz bezeichnet. Viele Männer und Frauen suchten im Hochmittelalter nach den Spuren Jesu und seiner Jünger im Heiligen Land. Die Mittelalterforschung benennt die bewaffneten Fahrten nach Palästina als Kreuzzüge; doch dieses Wort kam in den Quellen erst später auf. Deshalb nennt Dan Jones sein jetzt in deutscher Übersetzung erschienenes Buch „Kreuzfahrer“.
Wie in früheren Erfolgstiteln des Autors geht es nicht um abstrakte Strukturen und Theorien. Im bunten Storytelling begegnen uns die Menschen, die sich für ihre neuen Wege als gewaltbereite Krieger, als fromme Pilger oder als reumütige Wallfahrer Kreuze anhefteten. Wissensvermittlung mit Entertainment – das ist das erklärte Ziel. Deshalb führen individuelle Lebenserfahrungen zu den großen Epochenkonflikten: zu den Gegensätzen der monotheistischen Religionen, zu Geltungsansprüchen in Kirche und Welt, zum Nichtbegreifen der anderen. Wie die Gewalterfahrungen des Mittelalters bis zu uns wirken, zeigt der beklemmende Epilog „Kreuzfahrer 2.0“.
Nicht die westeuropäischen Ritter stehen am Anfang dieses Buchs, sondern Graf Roger von Sizilien und der muslimische Dichter Ibn Hamdis aus dem westlichen Mittelmeerraum. Im spannenden Erzählen werden die Zufälle der christlichen Eroberung Jerusalems 1099 deutlich. Der zweite Teil startet mit dem Norweger Sigurd, der 1110 als erster westlicher König die christlichen Kreuzfahrerreiche besuchte, und der Hochzeit des Kalifen al-Mustazhir bi-‘llah mit Ismah Chatun im Jahr 1111 in Bagdad.
Kreuzfahrerreiche und Ritterorden entstanden, unversöhnliche Feindschaften und pragmatisches Aushalten wechselten sich ab. Der Untergang der Kreuzfahrerreiche beginnt dann mit einer mutigen englischen Frau in der erfolglosen Verteidigung Jerusalems gegen die Truppen Saladins 1187 und mit den Grausamkeiten der lateinischen Kreuzfahrer in Konstantinopel 1204. Im 13. Jahrhundert brach schließlich die lateinische Expansion in militärischen Katastrophen zusammen.
Doch wann endete die Welt der lateinischen Kreuzfahrerinnen und Kreuzfahrer eigentlich? Dan Jones nennt 1492: den Abschluss der christlichen Reconquista auf der Iberischen Halbinsel mit der Eroberung Granadas. Fortan richteten sich die Blicke der Eroberer über die Meere nach Westen und Süden.
Das bemerkenswerte Erzähltalent von Dan Jones erklärt, warum englische Kreuzfahrergeschichten vielfach deutsche oder französische Publikationen auf dem Buchmarkt ausstechen. Allerdings nimmt der Verfasser die neuere kontinentale Forschung kaum zur Kenntnis. Als Kaiser nennen seine Herrscherlisten nur die Kaiser in Konstantinopel. Die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs heißen bei Dan Jones „deutsche Kaiser“, was ihr Selbstverständnis als römische Imperatoren gänzlich verzerrt. Deutsche Kaiser gab es nur von 1871 bis 1918. Auch wenn manchmal noch mehr Nähe zum mittelalterlichen Begreifen genutzt hätte, besticht dieses Buch durch seine neuen Perspektiven und darstellerische Kraft.
Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller
Dan Jones
Kreuzfahrer
Der epische Kampf um das Heilige Land
Verlag C. H. Beck, München 2025, 544 Seiten, € 36,–




