Das Aids-Virus grassiert noch immer: Rund 37 Millionen Menschen sind weltweit mit HIV infiziert – allein 90.000 davon in Deutschland. Dieses Schicksal bedeutet heute kein Todesurteil mehr. Denn moderne antivirale Medikamente verringern die Virenlast so stark, dass HIV-Positive eine fast normale Lebenserwartung haben und nicht mehr ansteckend sind. Allerdings: Die Behandlung kann mit Nebenwirkungen einhergehen und sie funktioniert nur, wenn Betroffene ihre Tabletten lebenslang und täglich in der richtigen Dosis einnehmen. Wird die Einnahme vergessen oder aus anderen Gründen unterbrochen, beginnen die Viren sofort wieder, sich in gefährlichem Ausmaß zu vermehren. Mediziner suchen daher schon länger nach Alternativen, mit denen sich diese Probleme vermeiden ließen – dabei haben sie unter anderem Antikörper im Visier.
Untersuchungen zeigen, dass manche HIV-Patienten spezielle Abwehrstoffe produzieren und ihr Körper die Krankheit in Folge auch ohne medikamentöse Unterstützung erfolgreich bekämpft. Die Gabe solcher Antikörper aktiviert das Immunsystem und kann dadurch die Virenlast minimieren, wie Studien belegen. Weil die Antikörper länger im Organismus verbleiben als antivirale Medikamente, müsste der Effekt dabei theoretisch zudem langfristiger sein – vorausgesetzt, die Viren entwickeln keine Resistenzen. Wie gut dies in der Praxis funktioniert, haben Wissenschaftler nun in gleich zwei klinischen Pilotstudien getestet. Dabei verabreichten sie HIV-Patienten einen Kombi-Wirkstoff aus den Antikörpern 3BNC117 und 10-1074 – diese Abwehrstoffe greifen das Virus mit jeweils unterschiedlichen Strategien an, was die Resistenzbildung erheblich erschwert.
Langanhaltender Schutz
Für die erste Untersuchung rekrutierten Pilar Mendoza von der Rockefeller University in New York und ihre Kollegen 15 HIV-Infizierte, die zuvor mit der standardmäßigen antiviralen Therapie behandelt worden waren und deren Viren nachweislich auf die beiden Antikörper ansprachen. Die Teilnehmer erhielten zunächst eine Antikörper-Infusion, beendeten zwei Tage später die Einnahme ihrer normalen Medikamente und bekamen drei sowie sechs Wochen später zwei weitere Infusionen. Wie würde sich die Virenlast entwickeln? Es zeigte sich: Von den elf Probanden, die die Studie beendeten, konnten neun im Schnitt 15 Wochen lang auf eine weitere Behandlung verzichten – so lange blieb die Erregerkonzentration in ihrem Körper auf einem ungefährlichen Niveau. Bei zwei dieser neun Patienten hielt der Schutz sogar bis zum Ende des 30-wöchigen Beobachtungszeitraums an, wie die Forscher berichten. Lediglich zwei Probanden entwickelten Resistenzen gegen mindestens einen der Antikörper, sodass die Viren schon früher begannen, sich wieder zu vermehren.
Diese Ergebnisse zeigen: Bei Menschen mit einer im Vorfeld minimierten Virenlast kann eine Antikörper-Therapie womöglich funktionieren. Doch was ist, wenn die Erreger noch aktiv sind und in großen Mengen im Blut zirkulieren? Dies untersuchten Forscher um Mendozas Kollegen Yotam Bar-On in einer zweiten Studie. Sie behandelten sieben Probanden mit den Infusionen, die zuvor keine antiviralen Medikamente eingenommen hatten. Das Ergebnis: Auch bei diesen Patienten zeigte sich die Therapie effektiv. Demnach konnten die Antikörper die Virenlast für drei bis 16 Wochen deutlich reduzieren. Die Durchschlagskraft der Therapie war dabei abhängig von der ursprünglichen Virenmenge und den Eigenschaften der Erreger.





