Die größte Blütezeit der andalusischen Dichtkunst fiel in das 11. und das frühe 12. Jahrhundert, also eine Zeit des politischen Niedergangs. Das Kalifat war zerbrochen, zahlreiche kleine Königreiche wetteiferten miteinander um die besten Künstler, die raffiniertesten Dichter. In dieser Zeit lebten der einsame Gottsucher Ibn Gabirol aus Málaga (1020–1056), der seine philosophische Prosa auf Arabisch, seine glühenden Dichtungen auf Hebräisch schrieb; der arabische Aristokrat Ibn Saidun (1003–1070), der mit der omaijadischen Prinzessin Wallâda, selbst eine bedeutende Dichterin (um 1000-1091), eine kurze, intensive und tragische Romanze gelebt und in Versen besungen hat, die in der arabischen Welt bis heute unsterblich sind; der Cordobese Ibn Kusman (nach 1086–1160), der im Vulgärdialekt seiner Stadt das alltägliche Leben in seiner ganzen bunten Fülle eingefangen hat; der jüdische Fürst Samuel ha-Nagid (993–1056), der den König von Granada auf dessen alljährlichen Feldzügen als Heerführer begleitet und darüber auf Hebräisch ein einzigartiges Tagebuch geführt hat. Zu Samuels Gefolge gehörte ein gewisser Josef ibn Caprel (um 1000–1060), in dessen hebräischer Strophenkomposition das älteste Gedicht in spanischer Sprache erhalten ist, entstanden um 1040, lange bevor die Lyrik anderer romanischer Völker auf der Bühne erschien; es lautet: Tanto amare, tanto amare, habibi, tanto amare! Enfermeron olyos nidios, ya duolen tan male!
So viel lieben, so viel lieben, mein Liebster, so viel lieben! Krank wurden meine blanken Augen, sie schmerzen schon so sehr!
In jener Epoche blühte die jüdische Dichterschule von Granada, mit Moshe ibn Esra (1055–1135), der eine Anleitung zum Dichten in hebräischer Sprache auf Arabisch verfasst hat, und mit Jehuda ha-Levi (um 1075–um 1140), dem größten Dichter hebräischer Zunge nach dem biblischen König David; und die arabische Dichterschule von Valencia, mit Ibn Khafadja (1058–1139), genannt „der Gärtner“ wegen seiner fast schon romantischen Naturlyrik, und mit dessen Neffen Ibn al-Sakkak (1096–1134), der der Vergänglichkeit des Daseins ergreifenden Ausdruck gegeben hat. Als Beispiele seien zwei erotische Nachtgedichte angeführt, ein arabisches von Ibn al-Zaqqaq:
Dreifacher Rausch Sie kam um Mitternacht, die Dunkelheit, die uns umfing, war schwarz wie ihre Locken. Sie reichte mir den Kelch mit frischem Wein, der uns mit seinem Duft die Nacht erhellte. Dazwischen goss sie alten Nektar ein mit ihrem Blick, mit ihrer Lippen Spalt. Mit allem hat sie mich berauscht: mit Wein, mit ihrem Mund, mit süßer Tändelei.
und ein hebräisches von Jehuda ha-Levi: Morgensonne Der Wangen Glut, die Pracht der vollen Locken enthüllte die Gazelle mir des Nachts: der zarten Schläfe lauteren Kristall deckt strahlend ein Rubin; ihr Antlitz gleicht der Sonne, wie sie morgendunkle Wolken mit ihres Aufgangs Lohe rot erleuchtet.





