Kühl, feucht und stickig – Einer der ungewöhnlichsten Arbeitsplätze ist zur Zeit wohl auch einer der ungemütlichsten. Auf der Mir kämpfen die beiden russischen Kosmonauten Vasiliy Tsibliev und Alexander Lazutkin gemeinsam mit dem amerikanischen Astronauten Michael Foale um das Überleben der Raumstation Mir. Noch ist ihr eigenes Leben nicht in unmittelbarer Gefahr, aber die ursprünglich für eine nur fünfjährige Mission geplante Raumstation Mir kommt in ihrem elften Bertriebsjahr in immer größere Schwierigkeiten.
Mit einem Routinemanöver am 25. Juni begann die Serie von Mißgeschicken. Eine Progress Versorgungskapsel war auf dem Weg zur Mir, um die Besatzung mit Nahrungsmitteln und technischem Material zu versorgen. Kommandant Tsibliev sollte bei dem Andockmanöver die manuelle Steuerung mit dem Navigationssystem TORU testen. Die Progress Kapsel verpaßte allerdings die Andockschleuse und rammte das Spektr-Modul. Ein rapider Druckverlust und der Zusammenbruch der Energieversorgung von Spektr war die Folge. Um den Rest der Raumstation zu retten, schloß die Besatzung sofort die Verbindungsschleuse.
Zwar sind alle Teile der Mir so angelegt, daß sie prinzipiell als selbständige Raumkapsel fungieren können, dennoch sind für den Betrieb der gesamten Raumstation alle Module notwenidg. Insbesondere die Energieversorgung ist durch den Ausfall von Spektr gefährdet.
Energie sammelt die Mir mit ihren 244 Quadratmeter Solarkollektoren an den Kapseln Spektr, Kern-Modul, Kvant 2, Kristall und Progress. Neben den wissenschaftlichen Experimenten verschlingen vor allem die lebenswichtigen Grundfunktionen wie Sauerstoffversorgung, Wärme und Stabilisierung der Station den Großteil des produzierten Stromes. Und ausgerechnet die beschädigte Spektr-Kapsel stellt einen sehr großen Anteil dafür zur Verfügung. Deshalb ist das wichtigste Ziel der Männer an Bord, zumindest eine Verbindung zur Energieübertragung herzustellen.
Am 04. Juli startete erneut eine Progress-Versorgungskapsel. Wichtigste Fracht: eine Platine, die als Adapter für 22 Kabel zwischen Spektr und dem Kern-Modul dienen soll. Über sie soll vor allem der so dringend benötigte Strom fließen. Diesmal verlief alles nach Plan. Die Crew konnte nach dem erfolgreichem Anschluß an Mir die Kapsel entladen.
Fieberhaft arbeitet unterdes das Unterstützungsteam auf der Erde, um die anstehende Reparatur zu planen. An einem naturgetreuen Model der Mir üben sie unter Wasser die notwendigen Schritte. Im Orbit sollten Vasiliy Tsibliev und Alexander Lazutkin die Arbeiten durchführen. Dieses Vorhaben ist allerdings im Gefahr, denn die Ärzte im russischen Kontrollzentrum stellten Unregelmäigkeiten in der Herzfrequenz bei dem Kommandanten fest. Die Mediziner machen den enormen psychischen Druck und die körperliche Belastung dafür verantwortlich. Da die Reparaturarbeiten ein Höchstmaß an Ausdauer und Konzentration erfordern, erscheint zur Zeit fraglich, ob der Russe dazu in der Lage sein wird. Der amerikanische Astronaut Michael Foale, der ihn vertreten könnte, ist weder umfassend an den nötigen Raumanzügen ausgebildet noch mit dem entsprechenden Geräten für die Unternehmung vertraut. Deshalb zögert die NASA noch mit der Erlaubnis für Ihn, die Aufgaben von Tsibliev zu übernehmen.
Als ob die Lage damit noch nicht prekär genug gewesen wäre, kam es am 17. Juli zu einer erneuten “Beinahe-Katastrophe”. Einer der Astronauten – der Name wurde nicht bekanntgegeben – hatte ein falsches Kabel aus einem Stecker gezogen. Die gesamte Energieversorgung der Mir brach zusammen. Ein wirklich kritischer Punkt war erreicht. Denn um die Raumstation bei Ihrem Umlauf um die Erde zu stabilisieren, werden mehrere schwere, elektrisch angetriebene Kreisel benötigt. Fallen sie aus, können sich die Sonnensegel der Station nicht mehr der Sonne zuwenden. Auch alle anderen lebenserhaltenden System versagen ohne elektrische Energie ihren Dienst.
Tsibliev, Lazutkin und Foale flüchteten in die Rettungskapsel Sojus. Diese hat ein völlig autarkes Energieversorgungssystem, um jederzeit einsatzbereit zu sein. Außerdem befinden sich für Ihre Triebwerke rund 900 Kilogrammm Treibstoff an Bord. Diese Notreserve tastete die Besatzuung dazu an, die Solarkollektoren der Mir zur Sonnne auszurichten. Die Batterien der Station ließen sich so wieder vollständig aufladen. Zur Zeit ruhen sich die drei Männer aus, um sich auf Ihren Einsatz bei der Reparatur vorzubereiten.
Nachdem Ende 1996 eine Marsmission scheiterte, der Start für die Internationale Raumstation wegen russischer Finanzproblem auf 1998 verschoben werden mußte, ist die momentane Pannneserie ein weiterer Schlag für die russische Raumfahrt. Zwar wäre die Mir – selbst bei einer Evakuierung – nicht gänzlich verloren, ob die russische Raumfahrtagentur aber in der Lage ist, die Raumstation wieder zu aktivieren ist äußerst fraglich. Zumal die NASA, zumindest hinter vorgehaltener Hand, schon über einen Abbruch der russisch- amerikanischen Kooperation spekuliert.
Das erste Opfer der Misere an Bord der Mir könnte der Franzose Leopold Eyharts werden. Er sollte am 5. August zusammen mit zwei russischen Kosmonauten zu der Raumstation starten. Aufgrund der Erschöpfung der momentanen Crew könnten die Reparaturarbeiten auf die Ablösung übertragen werden. Eyharts müßte dann dem notwendigen Reparaturmaterial weichen, das die beiden Russen Anatoli Solowjow und Pawel Winogradow zum Abdichten des Lecks im Spektr-Modul und zur Wiederherstellung der Energieverbindung benötigen.
Eines haben die Vorfälle auf der Mir auf jeden Fall bewiesen: Bemannte Raumfahrt ist ein kostspieliges, kompliziertes und empfindliches Unternehmen, das die schon fast eingetretene Routine noch lange nicht erreicht hat. Umstritten ist immer noch, ob die enormen Summen, die in die Raumfahrt investiert werden, sich auch auszahlen. Sollten statdessen nicht besser Entwicklungs- und Forschungsprojekte auf der Erde finanziert werden? Diskutieren Sie Ihre Meinung mit den bild der wissenschaft-Nutzern im bdw-Forum “Zukunft der Raumfahrt”.
Sebastian Jutzi





