Auf der Alb, heißt es im Volksmund, „wachset meh Schtoiner als Grombira“ – auf der Alb wachsen mehr Steine als Kartoffeln. Und tatsächlich: Wer mit dem Auto über die Schwäbische Alb fährt, kann die zahlreichen weiß leuchtenden Kalksteinbrocken in den Äckern am Wegesrand kaum übersehen. Die Landwirtschaft war in diesem rauhen Klima immer ein schwieriges Unterfangen. Um zu überleben, bedurfte es eines Nebenerwerbs, und den fanden vor allem viele Frauen in der Textilindustrie. Die Unternehmer wiederum fanden auf der Alb fleißige Arbeiter („Wer schafft, sündigt nicht“) – und hervorragende „Rohstoffreserven“. Denn auf den trockenen Hanglagen und kargen Hochflächen, die als Ackerland oder Wiesen kaum mehr nutzbar waren, fanden Schafe noch immer genügend Nahrung. Bis heute gehören die genügsamen Wolllieferanten zum Landschaftsbild der Schwäbischen Alb.
Das Zusammenspiel dieser Komponenten führte Ende des 19. Jahrhunderts zu einer durchgreifenden Industrialisierung der Region, bei der die Textilindustrie eine fast monopolartige Stellung einnahm. Erst in den 1970er Jahren kam es zu einem neuerlichen Strukturwandel. Immer mehr Unternehmen konnten mit der billigen Konkurrenz aus Osteuropa und Asien nicht mithalten. Eine Karte im Maschenmuseum zeigt, wie viele Textilhersteller es einst in der Region gegeben hat und wie viele (oder besser: wie wenige) davon übrig geblieben sind. Doch es gibt noch immer einige „Leuchttürme“, und seit 1971 ist Albstadt (zusammen mit dem benachbarten Sigmaringen) Sitz einer Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, an der auch eng mit der Textilherstellung verbundene Studiengänge angeboten werden.
Durch die Unterbringung in einer der ehemaligen Textilfabriken der Stadt, der Firma Mayer & Cie, wirkt das Museum besonders authentisch. Es scheint, als müsste man die aufgestellten Maschinen nur in Gang setzen, und schon könnte hier wieder produziert werden. Blickfang des Museums ist eine große Dampfmaschine, die 1942 in der Reutlinger Maschinenfabrik Ulrich Kohllöffel gebaut wurde und mehr als 40 Jahre lang ihren Dienst geleistet hat. Auch diese Maschine ist funktionsfähig, und bei Führungen wird der 110 PS starke Generator gern angeworfen, wie überhaupt viel Wert auf die anschauliche Demonstration von handwerklicher Trikotagenproduktion und industrieller Fertigung gelegt wird.
Es empfiehlt sich, den Besuch des Museums im Dachgeschoss zu beginnen und dann dem chronologisch gegliederten Rundgang zu folgen. Hier stehen die bäuerliche Nebenerwerbsarbeit, die Heimarbeit der Frauen und die frühindustriellen Produktionsformen im Mittelpunkt. Dabei erhält der Besucher auch vielfältige Einblicke in die ständisch gegliederte vorindustrielle Gesellschaft: Man erfährt von den in Württemberg geltenden Kleiderordnungen, vom Einfluss des Pietismus, dem Arbeit als gottgefälliges Werk galt, von den Handwerkern und ihren Zünften …




