Es ist erstaunlich, wie intensiv Jean Paul naturwissenschaftliche Studien betrieb und wie sehr es ihn ärgerte, dass „man wenig Zeit für die Wissenschaften hat“, wie er 1816 einem Freund gestand. Mathematik und Physik allein „fordern ein ganzes Menschenleben“, wobei er sicher war, dass „die letzten Rätsel der Natur hinter dem Schleier der Isis ewig verborgen bleiben“. Das störte ihn aber nicht, weil „die Suche nach einem Urgrund allen Seins dem ewigen menschlichen Heimweh nach Gott entspricht“, und das könne ein Leben lang bestehen. Jean Paul betrachtete den Menschen „als doppelsinniges Geschöpf, das in einem Simultaneum zweier Welten lebt und zwei Naturen annehmen kann, die göttliche und die menschliche“.
Es schien Jean Paul, als könne der Mensch in sich Unvereinbares vereinigen. Und als er sich in einem 1787 erschienenen Buch „Über Feuer, Licht und Wärme“ informierte, wie „Noch ein Beytrag zur Naturlehre“ seines Seelenfreundes Bernhard Hermann überschrieben ist, leuchtete Jean Paul sofort ein, „was die Natur und das Wesen des Lichtes selbst sey.“ Hermanns Hypothese lautete, dass Licht nicht reine Materie sei, sondern sich aus materiellen und immateriellen Teilen zusammensetze. Das entsprach der polaren Grundhaltung des romantischen Denkens, das dem Träumen in der Nacht so viel Wert beimaß wie dem Denken am Tage.
Es ist nicht zu glauben: Bereits im 18. Jahrhundert haben Menschen gedacht, was Albert Einstein 1905 erneut auffiel, dass Licht nämlich eine Doppelnatur hat, die bei Einstein als Welle und Teilchen erscheint. Mit anderen Worten, Einstein vereinbarte Unvereinbares und dachte wie ein Romantiker, dem seiner Wissenschaft eine zweite Welt auftat. Was Jean Paul das menschliche Heimweh nach Gott nannte, drückte Einstein als Gefühl für das Geheimnisvolle aus, das Menschen anstreben, weil es das Schönste ist, was sie erleben können. Einsteins mit dem Nobelpreis geehrte Entdeckung der Doppelnatur des Lichts war dem Meister der zweiten Welt schon ein Jahrhundert vorher vertraut. Beide mussten dafür nur ihre Seelen öffnen.





