Kein zweites Bild der italienischen Renaissance ist heute so präsent wie „Die Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli. Und obwohl die nackte Schönheit, eine der ersten großformatigen Aktdarstellungen der Malerei, so oft reproduziert und variiert wurde, hat das Gemälde kaum an Wirkung verloren. Das hat viele Gründe. Einer besteht in der Spannung zwischen natürlicher und artifizieller Erscheinung. Die ausgewogenen Proportionen und schönen Konturen lassen die Frau vital erscheinen, die marmorne Glätte der Haut und die gezirkelten Körperelemente konfrontieren dagegen unmissverständlich mit dem unnahbaren, künstlichen Charakter ihrer Gegenwart.
Hinzu kommt ein Weiteres: Trotz der feier‧lichen Grundstimmung – immerhin geht es um die Ankunft von Schönheit, Liebe und Fruchtbarkeit – vermittelt das Bild keine unbeschwerte Freude. Vielmehr tun sich in den Gesichtern der Figuren Rätsel auf, die Abgründiges vermuten lassen. Venus ist im antiken Schamgestus präsentiert, doch ihr Blick ist eher nach innen gekehrt. Eine hintergründige Gefährdung scheint ihr Auftreten zu bestimmen – ein verhaltener künstlerischer Hinweis auf die Brutalität, die ihrer Zeugung vorausging: Der Meeresschaum, dem sie entsteigt, entspringt der Entmannung des Uranos: Aus seinen ins Meer geworfenen Geschlechtsteilen bildet sich jener Schaum, aus dem die Schönheitsgöttin geboren wird.
Abgründiges, Verhaltenes, Aufrüttelndes und Erschütterndes waren dem Maler des Bildes zu keiner Zeit fremd. Doch von der starken Betonung der emotionalen Aspekte, vor allem in den späten Werken, schien kein Weg zu den klassischen Schönheiten der Hochrenaissance zu führen, wie sie etwa mit dem Namen Raffaels verknüpft sind. Und so gilt er bis heute als eine Art Sonderling der italienischen Renaissance: Sandro Botticelli, der 1444 oder 1445 als Alessandro Filipepi in Florenz das Licht der Welt erblickte.
Wie verfehlt diese Beurteilung ist, zeigt sich in letzter Zeit immer deutlicher. Es war Giorgio Vasari, der große Kunsthistoriograph des 16. Jahrhunderts, der den Nachruhm Botticellis so verdüsterte. Noch der Vater Raffaels, Giovanni Santi, hatte Botticelli zu den Größten seiner Zeit gezählt, und selbst ein politischer Gegner wie Lorenzo Violi betonte noch über Botticellis Tod hinaus dessen große künstlerische Bedeutung. In der Kunsthistoriographie vor Vasari rangierte Botticelli gleichrangig mit Giotto di Bondone, Lorenzo Ghiberti, Filippo Brunelleschi, Dona‧tello, Leonardo da Vinci und Michelangelo Buonarroti. Wenn sich nun der Todestag Botticellis zum 500. Mal jährt, ist es an der Zeit, sich der üblen Nachrede Vasaris endgültig zu entledigen.
Tatsächlich war Botticelli eine Ausnahmeerscheinung, aber keineswegs ein merkwürdiger Sonderling, wie er seit Vasaris Lebensschilderung von 1550 und 1568 erscheint. Kaum ein zweiter Maler jener Zeit hat über 40 Jahre hinweg kontinuierlich eine so erfolgreiche Malerwerkstatt geführt. Und kaum einer hat nicht nur das gesamte Spektrum an Arbeitstechniken und -aufgaben sowie an Themen abgedeckt, sondern in allen Bereichen so entscheidende Neuerungen auf den Weg gebracht.




