Meinungsfreiheit wird so hoch geschätzt, dass niemand nach einer Begründung gefragt wird, wenn er oder sie im Brustton der Überzeugung verkündet, was sie oder er für wahr hält – zum Beispiel bei der Frage nach dem Impfschutz vor einer Coronainfektion oder dem Einsatz von fossilen Energieträgern.
Erstmals aufgefallen ist das leichtfertige Spiel mit der Meinungsfreiheit in den 1970er-Jahren, als plötzlich Leute auftraten, die etwas gegen die Gentechnik oder Kernkraftwerke hatten und sich in ihrer Ablehnung nicht dadurch beirren ließen, dass sie einen Reaktorkern nicht von einem Atomkern unterscheiden konnten und auf die Frage, wo man ihre Gene findet, nur verwirrt in die Luft schauten. Damals nahm das journalistische Bemühen zu, der Öffentlichkeit so etwas wie naturwissenschaftliche Bildung beizubringen, wobei sich im Medium des Fernsehens der Psychiater Hoimar von Ditfurth (1921 bis 1989) einen Namen machte. In seinen Sendungen gab er sich alle Mühe, die Barriere aus Gleichgültigkeit und Unkenntnis zu überwinden, die Menschen seiner Ansicht nach von der Wissenschaft trennte und sie seelisch verarmen ließ. Am Ende seines Lebens räumte von Ditfurth ein, dass sei ihm höchstens bei einer winzigen Minderheit von Zuschauern gelungen. Und bis heute müssen Bildungsinstitutionen konstatieren, dass die meisten Menschen der Wissenschaft hilf- und ratlos gegenüberstehen.
Die Öffentlichkeit weiß wenig von der Macht, die ihr Leben ermöglicht, und kurioserweise will sie auch nichts davon wissen, denn eine Meinung zu haben, ist erstens einfacher und kommt zweitens besser beim Publikum an, das ja auch nicht viel weiß. Wer solides Wissen anbietet, sorgt dafür, dass Leute weghören. Wer eine starke Meinung anbietet, bekommt garantiert Aufmerksamkeit. Wer gegen das Impfen poltert, darf das in den medialen Feierstunden der Meinungsfreiheit namens Talkrunden knallhart tun. Laute Überzeugungen besiegen stille Argumente. Das hohe Gut der Meinungsfreiheit verkommt zur ahnungslosen Beliebigkeit. Eine Meinung zu begründen, macht Mühe. Diese Freiheit sollte man sich aber nicht nehmen lassen.





