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Mein Nachbar, der Grizzly
Wenn es um die verschiedenen Grizzly-Populationen im kanadischen Staat British Columbia geht, sprechen die alten Häuptlinge der First Nations dort gern von „ihren Bären“, als gehörten sie zur Familie. Als eine Forschergruppe um die Kanadierin Lauren Henson von der University of Victoria Ende 2021 eine Studie veröffentlichte über eine für die Wissenschaft recht verblüffende Korrelation zwischen indigenen Sprachfamilien und Grizzlybär-Genetik, zeigten sich die Oberhäupter der beteiligten Volksgruppen nur wenig überrascht. „Das waren ihre Stammesbären, die sie teilweise sogar persönlich kannten“, berichtet Niko Balkenhol, Landschaftsgenetiker an der Universität Göttingen. Balkenhol hat Henson in dem Forschungsprojekt zu analytischen Methoden beraten, mit denen die räumliche Verteilung des Genpools von Tierarten ermittelt werden kann.
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von ROMAN GOERGEN
Wenn es um die verschiedenen Grizzly-Populationen im kanadischen Staat British Columbia geht, sprechen die alten Häuptlinge der First Nations dort gern von „ihren Bären“, als gehörten sie zur Familie. Als eine Forschergruppe um die Kanadierin Lauren Henson von der University of Victoria Ende 2021 eine Studie veröffentlichte über eine für die Wissenschaft recht verblüffende Korrelation zwischen indigenen Sprachfamilien und Grizzlybär-Genetik, zeigten sich die Oberhäupter der beteiligten Volksgruppen nur wenig überrascht. „Das waren ihre Stammesbären, die sie teilweise sogar persönlich kannten“, berichtet Niko Balkenhol, Landschaftsgenetiker an der Universität Göttingen. Balkenhol hat Henson in dem Forschungsprojekt zu analytischen Methoden beraten, mit denen die räumliche Verteilung des Genpools von Tierarten ermittelt werden kann.
Bislang wurde in Studien nur nachgewiesen, dass in Gebieten hoher Artenvielfalt allgemein auch mehr indigene Sprachen vorkommen. Das Papier sorgte deswegen für Aufsehen, weil es den Forschern gelang, auf einem Areal von mehr als 23.000 Quadratkilometern an der Küste British Columbias eine Korrelation zwischen bestimmten Sprachfamilien und Grizzly-Populationen aufzuzeigen. Dazu hatten die Wissenschaftler gemeinsam mit den indigenen Gruppen Haarproben von Grizzlybären gesammelt und diese dann in einer DNA-Analyse untersucht. Unter Beratung von Balkenhol betrachteten die Forscher die Resultate im Anschluss mithilfe sogenannter Geografischer Informationssysteme (GIS): Diese verarbeiten geografische Koordinaten und DNA-Analyseergebnisse und erstellen daraus eine genetische Karte.
Biologische und kulturelle Vielfalt entwickeln sich oft gemeinsam.
Forscher untersuchen dieses Phänomen anhand der Genetik von Tierarten wie den Grizzlybären und der Sprachfamilien indigener Völker etwa in Kanada.
Die Erkenntnisse könnten helfen, Vielfalt-Verluste zu vermeiden.
„Wenn man sich das Gebiet anschaut und wie diese Bären sich normalerweise bewegen, hätte man erwarten können, dass dort nur eine genetische Gruppe vorkommt. Aber zu unserer Überraschung gibt es dort drei genetisch recht stark unterschiedliche Subpopulationen“, sagt Balkenhol. Die typischen Erklärungen der Landschaftsgenetik greifen in dem Gebiet nicht. Genetisch unterscheidbare Gruppen bilden sich normalerweise vor allem dann, wenn sie geografisch daran gehindert werden, sich mit anderen Gruppen biologisch auszutauschen. „Zum Beispiel durch klassische Barrieren wie Straßen und Siedlungen, aber auch Flüsse oder Bergketten. Davon gibt es dort nicht so wahnsinnig viele – jedenfalls nicht genug, um einen Bären davon abzuhalten, weiterzumarschieren“, so Balkenhol.
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Als die Forscher diese drei Grizzly-Gruppen dann mit der Verbreitung der drei in der Region vorkommenden indigenen Sprachfamilien verglichen, entdeckten sie erstaunliche Übereinstimmungen. So zeigen die Karten, dass sich jeweils eine der drei Grizzly-Populationen vor allem dort angesiedelt hatte, wo jeweils die Sprachfamilien Tsimshian, Wakashan oder Salishan-Nuxalk dominierten.
So suchten die Wissenschaftler nach einer Erklärung für dieses Phänomen und entwickelten schließlich die Idee der Stammesbären. „Eine der Hypothesen war also, dass die Stämme mit ihren jeweils eigenen Sprachen auch ihre jeweils eigenen Bären hatten, die sie dann in Ruhe ließen. Gegen fremde Bären, die in das Gebiet vordrangen, gingen die Stämme hingegen vor“, erläutert Balkenhol. Laut Hypothese verblieben die so geschützten Bären im Gebiet des jeweiligen Stammes, und ihre DNA entwickelte sich parallel zur Stammessprache.
Korrelation oder Kausalität?
Thesen dazu, wie sich menschliche Kultur und biologische Vielfalt zumindest gemeinsam entwickeln und unter Umständen sogar direkt gegenseitig beeinflussen, werden in der noch recht jungen Forschungsdisziplin der biokulturellen Vielfalt diskutiert. Traditionelle Landnutzungsmethoden wie die Beweidung durch Vieh oder die Brandrodung haben etwa dazu beigetragen, die Artenvielfalt in vielen Ökosystemen aufrechtzuerhalten. Andererseits können moderne Landnutzungsmethoden, wie der Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln, zu einer Verringerung der biologischen Vielfalt führen. Umgekehrt beeinflusst die biologische Vielfalt auch die kulturelle Vielfalt. Verschiedene Kulturen haben unterschiedliche Kenntnisse und Technologien entwickelt, um die natürliche Umwelt zu nutzen und sich an sie anzupassen.
„Für mich ist biokulturelle Vielfalt das gemeinsame Vorkommen von biologischer und kultureller Vielfalt, wobei wir vielfältige Kultur oft durch das Vorkommen verschiedener Sprachen messen“, erklärt Larry Gorenflo, ein führender Experte auf dem Gebiet von der Penn State University in den USA. In den vergangenen Jahren zeigte Gorenflos Forschung immer wieder eine Korrelation von Gebieten mit zahlreichen Sprachen und hoher Biodiversität. So belegte er mit seinen Kollegen 2012 zum Beispiel, dass von den weltweit damals mehr als 6900 gesprochenen Sprachen 3202 – also fast die Hälfte – in nur 35 sogenannten Hotspots für Biodiversität gesprochen wurden, also dort, wo besonders viele Arten vorkommen.
„Die Beweise für ein gemeinsames Vorkommen von vielen Arten und vielen Sprachen sind so stark, dass eine kausale Verbindung wahrscheinlich ist”, betont Gorenflo. Während es recht einfach ist, eine Korrelation nachzuweisen – also das Vorkommen zweier Dinge, die nicht in einem ursächlichen Verhältnis miteinander stehen –, ist der Nachweis von Kausalität wesentlich schwieriger. Da gerade in der Natur zu viele Variablen unbekannt sind oder nicht beeinflusst werden können, müssen kausale Verbindungen oft in kontrollierten Experimenten ermittelt werden.
Gorenflo ist überzeugt, dass er zumindest eine „funktionelle Verbindung“ (siehe Kasten auf Seite 87) zwischen Arten- und Sprachenvielfalt finden kann. Dazu müsste bewiesen werden, dass sich Zu- oder Abnahme der jeweiligen Vielfalt gegenseitig direkt beeinflussen. Dann sei laut Gorenflo zumindest klar, dass „die Bewahrung des einen auch die Bewahrung des anderen zwingend erfordert“.
Auf der Suche nach dem funktionellen Link plant Gorenflo eine Expedition in das Eastern Arc Gebirge in Tansania. Im Gebiet dieser relativ kleinen Gebirgskette existieren 29 Sprachen. „Unsere Analyse zeigt eine starke lineare Korrelation zwischen diesen Sprachen und der Anzahl von biologischen Arten in den verschiedenen Gebirgsstöcken“, erläutert der Forscher. Dabei geht es um Sprachen wie Kihehe, Kipogoro/Kipogolo, Kisagala und Kiluguru. Deren Verbreitung soll in Verbindung mit dem Vorkommen insbesondere von Wirbeltieren untersucht werden, etwa Elefanten, Kapbüffeln, verschiedenen Primaten, Antilopen und Erdferkeln.
Gorenflo erwartet, mithilfe des traditionellen ökologischen Wissens einen Zusammenhang herstellen zu können. „Unser Fokus wird auf der geografischen Ausbreitung von Tieren und auch Pflanzen liegen, die von den Menschen, die dort kulturelle Traditionen pflegen, für wichtig gehalten und auch in ihrer Kultur genutzt werden.“ Indigene Gruppen haben laut dem Forscher oft bis zu Tausenden von Jahren damit verbracht, sich mit einem spezifischen Teil ihrer natürlichen Umgebung vertraut zu machen. Ihr Wissen werde dann in der jeweiligen Sprache zum Ausdruck gebracht. Anleitungen, wie zum Beispiel eine Pflanze medizinisch genutzt werden könne oder eine Art zu erhalten sei, könnten oft nur mit dem detaillierten Wortschatz der dazugehörigen Sprache weitergegeben werden.
Auch die Grizzly-Studie aus British Columbia beweist bislang nur eine Korrelation. „Es ist sicher ein starker Beitrag zur Fachliteratur, denn eine solche Betrachtung genetischer Unterschiede erhöht die Präzision in diesem Themenbereich“, kommentiert Gorenflo, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. Die Autoren seien seiner Meinung nach auf dem „richtigen Weg, wenn sie ökologische Erklärungen nahelegen“.
Gemeinsame Nischen-Not
Nach Gorenflos Einschätzung stellen bestimmte Landschaften wie jene in Kanada Menschen und Grizzlys vor spezifische Herausforderungen, die beide Gruppen mit parallelen Anpassungen gelöst haben. Neben der Idee der Stammesbären ist dabei nach übereinstimmender Meinung einiger Forscher das Konzept einer ähnlichen sogenannten Nischennutzung wichtig. „Mensch und Grizzly bewegten sich wohl dorthin, wo Ressourcen verfügbar waren“, erklärt Balkenhol und verweist dabei besonders auf die gemeinsame Nahrung wie Lachs oder Beeren. „Eventuell liefen die Bären saisonal sogar so ein bisschen mit den Menschen mit“, sagt der Forscher. Und Gorenflo ergänzt: „Ressourcenreiche natürliche Umgebungen unterstützen Tier und Mensch nachhaltiger und langfristiger. Dann ist es nicht mehr notwendig, das Gebiet zu verlassen und sich mit anderen zu vermischen. Solche Argumente klingen plausibel.“
Christian Döhler sieht einen Zusammenhang vor allem in der Zerstörung dieser gemeinsamen Nische. Wenn sich sowohl die Sprache als auch die Tierpopulation in einer für sie vorteilhaften Nische angesiedelt haben, und diese Nische dann zerstört oder beeinträchtigt wird, können durchaus beide verschwinden. „Wichtig ist die Beobachtung, dass Sprachensterben und Artensterben von ganz ähnlichen Prozessen ausgelöst werden“, so der Linguist vom Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin.
„Ob Sojafelder im Amazonas oder Palmölplantagen in Indonesien und Papua-Neuguinea: Beides führt dazu, dass sowohl den Arten als auch den Menschen die Lebensgrundlage entzogen wird“, sagt Döhler. Im Gegensatz zu einer Pflanzenspezies könnten die Menschen zwar fliehen, „aber die damit verbundenen sozioökonomischen Umbrüche wie Umsiedlungen führen meist dazu, dass die Muttersprache nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben wird.“ Stattdessen erlernen die Kinder der so umgesiedelten Familien die jeweils vorherrschende Amtssprache, etwa Portugiesisch oder Tok Pisin.
Der auf die Sprachen Papua-Neuguineas spezialisierte Experte mahnt jedoch zur Vorsicht bei einer übereilten „Eins-zu-Eins“-Zuordnung von linguistischer und biologischer Entwicklung. „Geht es um die Entstehung der heutigen Verteilung, so sollte man außerdem beachten, dass biologische und kulturelle Evolution in sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten ablaufen“, so Döhler. „Obwohl es nicht möglich ist, exakte Änderungsraten zu berechnen, herrscht in der Forschung Einigkeit darüber, dass die kulturelle Evolution im Allgemeinen schneller abläuft als die biologische.“ Bei den Versuchen einer kausalen Zuordnung ist seiner Meinung nach vor allem die Seite der Linguistik oft noch zu gering erforscht. Sprache sei nun mal nicht so klar messbar wie die Gene einer Bärenpopulation.
Jedoch vermindern solche offenen Fragen nach der Einschätzung Döhlers keineswegs die Bedeutung des Konzepts der biokulturellen Vielfalt. Denn jenseits der Kausalität sei schon die einfache „Korrelation zwischen der einen Vielfalt und der anderen Vielfalt“ ein wichtiges Argument. Denn beide kämen schlichtweg gemeinsam vor und sollten deswegen auch gemeinsam geschützt werden. „Die beiden Themenfelder müssen zusammen gedacht werden: Biologische Maßnahmen sollten immer an kulturelle Maßnahmen geknüpft werden. Im Hinblick auf die Sprache bedeutet das, die Sprechergemeinschaften in die Aktivitäten rund um den Artenschutz einzubeziehen“, sagt Döhler. Obwohl genau dies in gewisser Weise schon der gesunde Menschenverstand diktiere, kritisiert der Forscher, dass Artenschutz in der Praxis immer noch zu oft getrennt von Sprachförderung oder kultureller Anerkennung betrieben werde.
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