„Eine Kunstherz-OP? Ist schon toll, was heute alles möglich ist mit der Technik”, sagt der Taxifahrer auf dem Weg zum Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB). „Gehen Sie etwa zu diesem Doktor, wie heißt er doch gleich. Hetzer? Ich hab mal über ihn gelesen.” Er schweigt und biegt um die Ecke. „Trotzdem ist man froh, wenn man’s nicht braucht, so ein Kunstherz, oder?” Und wenn man’s doch braucht? Wenn man keine Wahl hat zwischen echtem Herz und Kunstherz?
Sven Gaedtke wäre mit diesen Fragen lieber nicht konfrontiert worden. Am Morgen dieses 20. Oktober 2009 liegt er anästhesiert im Operationssaal 1 des Herzzentrums, als Roland Hetzer, ein international führender Herzchirurg, durch eine metallene Schiebetür den Saal betritt. Gaedtkes Oberkörper ist geöffnet. Eine wuchtige Klemme, der Sternum-Spreizer, schiebt seine Rippenbögen auseinander. Blaugrüner Stoff bedeckt seinen Leib und entblößt nur die Region rings um das Herz. Vier Plastikschläuche, einer davon gefüllt mit Blut, führen vom Organ zu einer Herz-Lungen-Maschine, so groß wie ein Getränkeautomat, mit zwei Bildschirmen und einer Handvoll kleinerer Monitore. Das Blut kann aus dem rechten Vorhof des Herzens herausgesaugt, von Kohlendioxid befreit, mit Sauerstoff angereichert und dem Patienten wieder zurückgegeben werden. Die Maschine kann den Menschen so am Leben erhalten, ohne dass sein Herz und seine Lunge arbeiten müssen.
ATEMLOS UND IMMER MÜDE
Noch schlägt Gaedtkes Herz. Es wird groß und klein, groß und klein, groß und klein, presst unaufhörlich Blut in seinen Körper, sobald es sich zusammenzieht. Es sieht aus wie ein faustgroßer Gewebeklumpen und ist doch so viel mehr. Ein Menschenherz pumpt 70 Mal in der Minute, befördert dabei 5,6 Liter Blut. Ein ganzes Leben lässt es uns leben. Jubel, Liebeskummer, Wutanfälle.
Es lässt auch Sven Gaedtke leben. Aber nicht gut. Im Sommer 2009 geht es ihm richtig schlecht: Er ist zu schwach, um auch nur eine Viertelstunde spazieren zu gehen. Atemlos ringt er nach Luft. Schweiß perlt in dicken Tropfen über sein Gesicht. Über einem Buch nickt er bei den ersten Zeilen ein, die Füße und Hände sind immer kalt. Ein Ultraschallbild zeigt, woran das liegt: Man sieht Gaedtkes linke und rechte Herzkammer, die beiden Vorhöfe und die Herzklappen. Die linke Kammer ist viel größer als die rechte. Doch sie pumpt zu schwach, der Muskel ist erschlafft.
KONZENTRATION VOR DEM EInGRIFF
„Ich muss mich noch drapieren”, murmelt Hetzer und geht um einen der drei metallenen Rollwagen mit OP-Besteck herum. „Das Stirnband”, erinnert eine Herzchirurgin ihn in strengem Ton. Hetzer rückt das weiße Gummiband über die grüne Haube. Dann stülpt er einen zweiten Mundschutz über das Gesicht. „Hinten, den Knoten. Zuziehen, bis es knackt”, scherzt er, während die Chirurgin die Bänder an seinem Hinterkopf zuschnürt. Danach geht er zur Hände- Desinfektion in einen Nebenraum. Äußerst steriles Arbeiten ist lebenswichtig für den Patienten. Es herrscht konzentrierte Stille im OP, durchdrungen nur vom Piepen und Summen der unzähligen Geräte und Computer. Auch der Ventilator summt. Er saugt die Luft derart effektiv aus dem Raum, dass es ständig leicht zieht. Keiner der 14 Anwesenden verliert ein Wort. Kardiotechniker, Anästhesisten, Chirurgen, werdende Chirurgen und OP-Schwestern – alle wissen, was zu tun ist.
Hetzer steht mit drei Chirurgen über Gaedtkes Herz gebeugt. Das Organ ist auf weiße Kompressen gebettet. Behutsam schiebt Hetzer blaue Fäden mit feinen metallenen Widerhaken in das Gewebe an der Spitze der linken Herzkammer. Mit 14 sogenannten Einzelknopfnähten befestigt er ebenso viele fingernagelgroße weiße Teflonkissen in kreisrunder Anordnung auf dem Herzmuskel. Flink und achtsam wie eine Näherin, die einen sehr kostbaren Stoff bearbeitet. Wenn er operiere, verschwende er nicht viele Gedanken auf den Menschen darunter, erklärt er später. Er konzentriert sich ganz auf die Technik. Niemand wünscht sich einen Herzchirurgen, der während der Operation ins Sinnieren über das individuelle Schicksal verfällt, da ist sich Hetzer sicher.
DIE PULSLOSE PUMPE
Auf den Ring der Teflonkissen näht er einen weißen Ring, ebenfalls aus Teflon. Dann dreht er in wenigen Sekunden mit einem metallenen Ringmesser ein Loch in die Spitze der linken Herzkammer. Blut schwappt heraus. Das Herz ist offen. Auf dem Nahtring wird die Manschette eines V-förmigen Silikonrohrs, die Einlasskanüle zum Kunstherz, befestigt. Minuten später hängt das V-förmige Rohr am Gewebe.
Gaedtke bekommt das 500. Incor-Linksherz-Unterstützungssystem der Firma Berlin- Heart. Ein Jubiläum, wie man so sagt. Es wird die linke Kammer seines schwachen Herzens unterstützen, indem ein Rotor in der Pumpe das Blut mit 6000 bis 8000 Umdrehungen in der Minute beschleunigt und in die Hauptschlagader drückt. Der Rotor schwebt berührungslos wie eine Magnetschwebebahn in dem Gehäuse. Noch liegt dieses Herzstück auf einem Rollwagen. Ein metallener Zylinder, nicht mehr als zwei Daumen breit.
Unvorstellbar, dass dieses Werkstück das menschliche Herz nachahmen und sogar ersetzen kann. Wie soll ein Block aus Metall vor Aufregung bis zum Hals schlagen, vor Angst in die Hosentasche rutschen oder vor Freude rasen? Wie kann ein Stück Metall das Zentrum der Liebe, das Sammelbecken für Leid und Schmerz sein? Oder ist das Herz in der menschlichen Vorstellung nur unendlich mystifiziert und eben doch nicht mehr als ein schnöder Motor des Blutkreislaufes? Die Incor-Pumpe treibt das Blut pulslos, ohne Pause, durch die Gefäße, ganz anders als das natürliche Organ. „ Wir haben eine junge Patientin mit der Pumpe versorgt”, erinnert sich Hetzer. „Als sie zur Kontrolle kam, war sie schwanger. Das war der letzte Beweis für mich, dass die pulslosen Pumpen funktionieren: dass etwas so Empfindliches wie das Reproduktionssystem erhalten bleibt.”
DAS ZWEITE HERZ WIRD AKTIV
Gaedtkes Kopf ruckt plötzlich. Der Anästhesist verändert die Dosierung der Betäubungsmittel am Computer. Sieben große Spritzen mit verschiedenen Medikamenten hängen in einem Rollwagen. Gaedtkes Gesicht sieht friedlich aus und erschreckend jung. Vielleicht Anfang 30? Warum bloß ist sein Herz schon in der ersten Lebenshälfte des Schlagens müde?
Das V-förmige Silikonrohr ist mit der Pumpe verbunden. Sie wird im Herzbeutel unterhalb des natürlichen Organs platziert. Der Auslass des Kunstherzens muss allerdings noch angeschlossen werden. Dazu wird die Hauptschlagader mit einer metallenen Klemme abgedrückt. Die Herz-Lungen- Maschine beginnt zu arbeiten. Das reglose Herz färbt sich zusehends gelblich. Jetzt, da es nicht mehr von Blut durchströmt wird, ist sein Fettgewebe sichtbar. Die Herzchirurgin spült ständig Flüssigkeit aus einer Spritze in den Brustraum, die dann abgesaugt wird. „Handschuhe”, durchbricht Hetzer die Stille im Raum. Man reicht ihm neue, die alten sind zu glitschig geworden. Dann wird ein längeres, L-förmiges Silikonrohr, die Auslasskanüle des Kunstherzens, an die Hauptschlagader genäht, wiederum mit Einzelknopfnähten. Schließlich wird die Herz-Lungen-Maschine abgeschaltet. Das Herz beginnt wieder zu pumpen. Aus dem Ausgang des Unterstützungssystems quillt hellrotes, sauerstoffreiches Blut. Die Klemme an der Aorta wird abgenommen. Unvermittelt wird das Blut in das L-förmige Rohr zurückgedrückt und schwappt heraus. Nun muss Hetzer besonders sorgsam vorgehen, damit keine Luft in den Kreislauf gelangt. Denn schon wenige Milliliter Luft können einen schweren Schlaganfall auslösen. Hetzer schneidet ein kleines Stück des Auslassrohres ab und steckt dann das Ende mit der Pumpe zusammen. Ein Titan-Schnappverbinder rastet ein. Sven Gaedtke hat sein zweites Herz, ein rein mechanisches.
SCHICKSALSGENOSSEN
Während sein Brustkorb nach der vierstündigen OP wieder geschlossen wird, sitzen zwei Etagen höher auf Ebene H1 zwei Kunstherzträger. Es sind Männer mittleren Alters, die sich an das Leben mit Mechanik und Elektronik gewöhnt haben. Herr Fischer, blaue Augen und kurz geschorenes Haar, in weißem Unterhemd, trägt viele Tätowierungen auf Brust und Armen zur Schau. Er ist hier, weil sein Blutbild nicht in Ordnung ist. Er braucht eine andere Dosis blutgerinnungshemmenden Heparins, damit sich im Kunstherz keine Gerinnsel verfangen, die zum Infarkt führen könnten. Alle Kunstherzträger müssen solche Medikamente nehmen. Vor Fischer steht ein Infusionsständer, an dem eine schwarze Umhängetasche mit zwei Akkus und einer Steuereinheit für das Kunstherz hängt. Vier Kilogramm, ohne die sein Leben binnen einer Minute auf dem Spiel stünde. „Das macht einen Mordslärm, das Gerät, wenn der Akku leer ist”, berichtet er. „Alarm eben. Meine Frau kann den Akku dann wechseln.” Er selbst kann sich kaum noch regen, wenn das Kunstherz für kurze Zeit nicht mehr arbeitet. „Mein Herz ist links im Eimer”, sagt Fischer trocken. „Und bei der rechten Seite sind es, na, so 32 Prozent Pumpleistung noch.”
WARTEN AUF DAS SPENDERHERZ
Er wartet wie alle Kunstherzpatienten auf ein richtiges Herz von einem Spender. Schon zweieinhalb Jahre und vielleicht noch ein halbes Jahr. Es mangelt an Organen. „Ich habe eine ganz spezielle Blutgruppe. Deshalb dauert das besonders lang bei mir”, meint Fischer. Ist er froh zu leben? „Ist schon mal viel wert, das Ding”, sagt er mit Blick auf die Umhängetasche. „Und das funktioniert gut.” Es ist sein drittes System in zweieinhalb Jahren. Heute pumpt in seinem Körper das Incor-System das Blut durch die Adern, wie in Gaedtkes Leib. Unbeschwert leben ist für Fischer trotzdem etwas Anderes: „Ich kann zum Beispiel nicht duschen. Da darf kein Wasser dran.” Er zieht sein Unterhemd hoch. An der rechten Hüfte klebt ein großes weißes Pflaster über dem Kabel, das unter der Bauchhaut zum Kunstherzen führt und es mit Strom versorgt. Es verhindert, das Keime in den Körper gelangen und eine gefährliche Infektion verursachen.
Alle Patienten kehren immer wieder an diesen Ort zurück, an dem ihr Leben mit einem Kunstherz begonnen hat. Sie kommen zu Routinekontrollen oder zu erneuten OPs. Sie betreten dieses altehrwürdige Gebäude des Virchow-Klinikums im Berliner Wedding, das sich erhaben in die parkartige Flügelanlage des 19. Jahrhunderts einfügt. Die Hecken in den Innenhöfen sind kugelrund geschnitten. Vom Foyer führt ein säulengetragenes Treppenhaus, gerahmt von einem schmiedeeisernen Jugendstilgeländer, in den ersten Stock. Zu schön ist dieser Ort, um an Leid zu denken. Mehr als 60 000 Menschen wurden hier am offenen Herzen operiert. 150 Kunstherzen setzt man jedes Jahr ein. Immer wieder wurden in diesem Gebäude Wegmarken der Herzchirurgie gesetzt. 1990 erhielt hier erstmals ein Kind eine Herzpumpe. 2004 wurde ein vollständig implantierbares künstliches Herz verpflanzt. Dabei wird im Unterschied zum Linksherz-Unterstützungssystem, wie Gaedtke es trägt, das natürliche Organ entnommen. Weltweit wurde ein solches System bisher erst 850 Mal erfolgreich eingesetzt.
EINE PREMIERE IM HERZZENTRUM
2009 implantiert Roland Hetzer erstmals einem Patienten zwei Unterstützungspumpen, je eine für die linke und eine für die rechte Herzkammer. Anlässlich einer Pressekonferenz am 6. November am Rande des 6. Internationalen Kunstherzkongresses wird die Weltneuheit vorgestellt. „Es gibt viele Patienten, die mit einem Linksherz-Unterstützungssystem alleine nicht zu behandeln sind”, berichtet Hetzer, der in schwarzem Anzug, gestreifter Krawatte und mit frisch geschnittenem Haar aufs Podium tritt, nachdem er jedem Anwesenden herzlich die Hand gedrückt hat. Ins Mikrofon sagt er: „Ich bin ganz begeistert, dass wir in Zukunft auf diese Weise viele Patienten behandeln können, für die es bisher nichts gab.”
Drei Kunstherzträger lauschen seinen Worten, darunter auch Sven Gaedtke. Neben seinem Stuhl harrt der Infusionsständer mit schwarzer Umhängetasche. Ein Verband an seinem rechten Handgelenk verhüllt eine Kanüle, aus der blutverdünnende Medikamente in seine Adern rinnen. Gaedtke wirkt noch etwas matt. Die vielen Leute machen ihm mehr zu schaffen, als er erwartet hat. Doch er fühlt sich unendlich dankbar, dankbar dafür, dass er lebt, dass er die Operation überstanden hat. Es fehlt ihm bloß die Kraft, um der Freude in diesem Augenblick freien Lauf zu lassen. Tonlos erzählt er: „Mit jedem Tag fühle ich mich ein bisschen besser.”
DER EINZIGE AUSWEG
Über sein Leid vor dem Eingriff zu sprechen, fällt ihm schwer. Gaedtke ist nicht der Typ, der seine Gefühle in Worte kleidet, schon gar nicht einer, der jammert. „Das Hauptproblem war die Atemnot, die bei der leichtesten Anstrengung aufgetreten ist. Man war eigentlich schon morgens nach dem Aufstehen erschöpft.” Dann hangelt er sich an den Fakten entlang: Im Laufe der Jahre hat sich sein Herz vergrößert. Es verlor an Pumpkraft. Der Druck im Lungenkreislauf wuchs, weil der geschwächte linke Herzflügel das Blut nicht abtransportierte. „Man hätte ihn herztransplantieren müssen, aber durch den erhöhten Druck im Lungenkreislauf war zu befürchten, dass das neue Herz ganz schnell versagen würde”, erklärt Oberarzt Thomas Krabatsch vom DHZB. „Das Einzige, was man da machen kann, ist ein Unterstützungssystem zu implantieren, damit der Druck in den Lungengefäßen wieder absinkt. Damit der Patient überhaupt in einen Zustand kommt, in dem man ihn herztransplantieren kann.” Das Kunstherz war Gaedtkes Rettung.
„Wenn es die Leute nicht gäbe, die Operateure, würde ich hier nicht sitzen”, spricht der Mann neben Gaedtke seine Gedanken aus. Er stellt sich als Stefan Sichelschmidt vor. Die Herzschwäche hat ihn ohne Vorwarnung auf dem Zenit seines Lebens überfallen. Mit 45 Jahren, zwei Kindern, einer Frau und einer ebenso sicheren wie verantwortungsvollen Position als IT-Spezialist beim Auswärtigen Amt schien das Lebensglück ganz auf seiner Seite. „Ich bin jeden Tag Rad gefahren, auch Inliners. Fallschirm- und Bungeespringen, ich habe alles mitgemacht. Von meiner Herzschwäche habe ich nichts gespürt”, sagt er. Zwar musste bei ihm im April 2009 eine Rekonstruktion der Mitralklappe am Einlass zur linken Herzkammer, vorgenommen werden. Aber die Routine-Operation verlief völlig problemlos. Sichelschmidt erholte sich rasch und arbeitete bald wieder. Als er sich im Juni für einen Auslandseinsatz einer Routineuntersuchung unterzog, brach er plötzlich zusammen. Die folgenden Wochen sind aus seinem Gedächtnis gelöscht. Als er wieder aufwachte, lag er auf der Intensivstation des DHZB und trug das amerikanische Kunstherzsystem Heart- Mate II in der Brust.
„Die Patienten wollen noch nicht sterben. Manche sind sehr jung”, sagt Oberarzt Krabatsch. „Da hofft man mit ihnen, dass sie wieder zurück können zu der Familie, zu den Kindern und zu der Frau, obwohl sie schon mit einem Fuß im Grab gestanden haben.” Sichelschmidt will mehr, er will wieder arbeiten. Lieber heute als morgen. Er hofft, dass er bald wieder ohne Kunstherz leben kann.
ERHOLUNG IST MÖGLICH
Medizinisch gesehen ist das durchaus denkbar. Hetzer explantierte 1995 zum ersten Mal eine Pumpe, nachdem sich das Herz in wenigen Wochen erholt hatte. „Der Mann lebt heute noch mit seinem echten Herzen”, betont er. Seither wurde rund 100 Patienten am DHZB das Kunstherz wieder entnommen, nachdem ihr Organ beim Abschalten der Pumpe einen gesunden Eindruck machte und sich nicht vergrößerte. Das sind allerdings nur ein Prozent aller Operierten. Die Chancen auf ein Leben ohne mechanisches Herz sind für Kunstherzträger somit gering. „Das Problem ist auch, dass wir nicht zuverlässig sagen können, ob die Erholung von Dauer ist oder ob uns der Patient wieder nach einem oder zwei Jahren ins Herzversagen rutscht”, bedauert Hetzer.
Gaedtke ahnt, dass es bei ihm ein Leben ohne Implantat nicht geben wird. „Mittlerweile sehe ich das Kunstherz als Chance, nicht mehr als Problemfall”, sagt er. Die Zeit vor der OP erscheint ihm zusehends wie ein zäh zu Ende geschriebenes Buchkapitel, indem sich Hoffnung und Rückschläge in schneller Folge ablösten. Mitte 1997 hatte er zum ersten Mal Herzrasen bei hohen Belastungen, beim Sport oder bei Stress in der Arbeit. Das durchdringende Pochen in seiner Brust dauerte immer etwa eine Stunde, in der er sich schlapp und unwohl fühlte. Die Ärzte beruhigen ihn. Das könne ab und an bei jedem auftreten. Gaedtke erklärt sich das rastlose Herz mit seinem bewegten Leben. Sein Vater ist schwer krank. Er heiratet und nimmt eine neue Arbeit auf. „Mit 25, 26 Jahren ist das Letzte, woran man denkt, dass man herzkrank ist.”
HERZRASEN IN DER NACHT
Doch das Herzrasen häuft sich und begleitet ihn bald bei jeglicher sportlicher Betätigung. Er hört mit dem Judo auf, weil seine Kräfte für mehr als den gelben Gürtel nicht reichen wollen. Nach einem Probetraining für Handball ist er zu erschöpft, um sich für den Kurs zu entscheiden. Er schiebt es auf seine schlechte Kondition. Doch im Februar 2002 schreckt er mitten in der Nacht auf. Sein Herz hämmert gegen seine Rippen. Zum ersten Mal bei völliger Ruhe. Gaedtke keucht und kriegt keine Luft. Todesangst, Panik, er hat das Gefühl zu ertrinken. Die Ärzte warnen nach der Analyse der Herzströme, dass etwas nicht in Ordnung sei und dass er sich untersuchen lassen solle. Gaedtke nimmt den Rat nicht ganz ernst.
Im Februar 2003 holt ihn das Schicksal ein. Am Vormittag nach der Frühstückspause begibt er sich auf den Weg zu einem der Verladeplätze im BMW-Werk in Berlin-Spandau. Er ist Logistiker und dafür verantwortlich, dass alle Bauteile für Motorräder korrekt verfrachtet werden. In Gaedtkes Erinnerung ist es ein Tag wie jeder andere, stressig durchaus, aber ohne besondere Ereignisse – bis plötzlich seine Beine nachgeben wie erweichender Gummi. Der Betriebsarzt kann keinen Puls mehr tasten. Gaedtkes Herz rast in seiner Brust. Mit der Betriebsfeuerwehr wird er ins Krankenhaus gebracht. Er hat zu wenig Wasser und Mineralien im Körper. Die Ärzte dringen darauf, dass er sich stationär untersuchen lässt. Sie vermuten einen Herzinfarkt. Doch alle Gefäße sind offen, jegliches Anzeichen für einen Infarkt fehlt. Gaedtke wird in die Franz-Volhard-Klinik nach Berlin-Buch überwiesen. Dort wird zum ersten Mal festgestellt, dass sein Herzmuskel akut entzündet ist. Ob Viren oder Bakterien die Verursacher sind, kann im Nachhinein nicht mehr festgestellt werden. Myokarditis, Herzmuskelentzündung – dieses Wort hört er hier zum ersten Mal. Er setzt ein halbes Jahr mit der Arbeit aus, bekommt Betablocker und ACE-Hemmer, damit sich das Organ regeneriert.
Im Herbst 2003 fängt Gaedtke wieder mit der Arbeit im BMW-Werk an. Doch nach wenigen Wochen erleidet er im November 2003 einen Rückfall. Gaedtke hat jetzt keine Entzündung mehr, sondern eine Herzinsuffizienz, eine Herzschwäche, bei der der Herzmuskel auf Dauer geschwächt ist und sich das ganze Organ vergrößert. Die Pumpleistung sackt dauerhaft ab. „Das ist wie eine Vollbremsung”, sagt Gaedtke leise. „Man wird aus seinem Trott, aus seinem Leben, herausgerissen. Ich war 33 und wurde Erwerbsminderungsrentner. Es war klar, dass ich lange Zeit brauchen würde, um da wieder raus zu kommen. Aber die Hoffnung bestand.”
Er bleibt zu Hause, versorgt die kleine Tochter, während die Ehefrau arbeiten geht. „Es gibt ja nicht viele Väter, die so nahe bei ihrer Tochter sein können. Das hat mir gut getan, das hat ihr gut getan.” Nebenher lässt sich Gaedtke an einer Abendschule im Berliner Stadtteil Moabit zum Techniker umschulen, damit er bei BMW auch außerhalb der Logistik arbeiten kann. Schule und Tochter lenken ihn von seinem Schicksal ab. Doch in der Nacht, wenn er aufwacht und nicht einschlafen kann, kommen die quälenden Gedanken. Warum ich? Warum ausgerechnet ich? Gaedtke wird wütend beim Grübeln über diese Fragen, auf die es keine Antwort gibt. In manchen Augenblicken will er davonlaufen, fliehen vor sich selbst. Ihn peinigt die Ungewissheit, wie es weitergeht, abwärts oder aufwärts.
2400 HERZSCHLÄGE ZU VIEL
Gaedtkes Herz wird schwächer. Er tendiere zum schlechteren Verlauf, konfrontieren ihn die Ärzte. „Letztlich war es immer spürbar, dass es”, Gaedtke stockt, „abwärts geht.” Einkaufen wird zum schweißtreibenden Parcours. Danach ist der junge Mann so erschöpft, dass er sich eine Stunde ausruhen muss. Im Sommer 2009 fährt die kleine Familie in die Eifel. Im Wohnmobil kann Gaedtke etwas vom Reiz der Landschaft erhaschen. Eine schöne Zeit. Doch sie wird immer wieder jäh zerschnitten. Wenn es heiß ist, ist sein Atem luftleer. Wenn es kühler wird, ist er müde und abgespannt. Obwohl er am Nachmittag zwei Stunden schläft, fühlt er sich unendlich schlapp. Bei der Routineuntersuchung Ende August erschrickt der Arzt des DHZB. Das Langzeit-EKG zeigt 2400 Extrasystolen an einem Tag. 2400 Mal zu oft zieht sich sein Herzmuskel zusammen. Der Blutdruck in den Lungengefäßen ist enorm hoch. Die rechte Herzkammer pumpt dagegen an und droht, überlastet zu werden. Das kann zu Herzversagen führen. Zum ersten Mal wird über eine Transplantation gesprochen. Und davon, dass sie zurzeit gar nicht möglich ist wegen des hohen Lungendrucks. Und dass ein Kunstherz vorerst die einzige Möglichkeit wäre. In diesem Augenblick zerstiebt der letzte Funken Hoffnung auf Regeneration, den Gaedtke immer vor Augen hatte.
Die Transplantation ist für ihn die letzte Instanz. Er weiß, was ihn erwartet. Leider, murmelt er. Sein Vater hatte ein fremdes Herz transplantiert bekommen. Nie wollte Gaedtke auf diese Weise in seine Fußstapfen treten. In der Familie besteht wohl eine Neigung zu einem sensiblen Herzen, ohne dass eine konkrete Erbkrankheit vorliegt. „Eine Transplantation ist keine schöne Sache. Sie führt oft zum Tod, und die Lebenszeiten sind wesentlich verkürzt”, bricht es aus Gaedtke hervor. Die Medikamente gegen die Abstoßung des Organs unterdrücken das Immunsystem und belasten Leber und Niere. Sein Vater starb nach acht Jahren mit fremdem Herzen mit nur 59 Jahren. „Es ist nicht schön, das hautnah mitzuerleben.” Gaedtke schweigt und schaut zu Boden.
„DIE MACHEN EINEN WIEDER FIT”
Am 3. Dezember 2009 sehen wir uns wieder. Gaedtke sitzt im grauen Jogginganzug vor gelben Vorhängen im Zimmer 336 der Rehabilitationsklinik in Teltow im grünen Südwesten Berlins. Die schwarze Tasche mit den Akkus, seine Lebensbegleiter, hängt über der Stuhllehne. Auf dem Nachttisch neben dem Bett lächeln seine blonde Frau und die strohblonde Tochter von Familienfotos. „Die machen einen wieder fit hier”, plaudert Gaedtke, sichtlich vitaler als bei der Pressekonferenz. Seine Hände sind warm. Nachmittags geht er alleine spazieren, wenn es nicht regnet. „ Lesen kann ich auch wieder”, erzählt er. Seit dem Krankenhausaufenthalt habe er 1300 Seiten von „Die Hobbits” und „ Herr der Ringe” verschlungen. Seine Muskeln werden dank Gymnastik, Fitnesstraining und Massagen täglich kräftiger. Auf dem Ergometer radelt er jetzt mühelos eine halbe Stunde. „Es ist sehr schön zu erleben, dass wieder mehr möglich ist und dass man sich auch mal wieder aus der Stube trauen kann”, freut sich der 39-Jährige. Mit seiner Familie will er bald Ausflüge und kleine Wanderungen unternehmen. Seine Tochter wünscht sich, mit ihm schwimmen zu gehen. „Das geht leider nicht. Mit der Anlage darf ich nicht ins Wasser”, hat er ihr erklärt. Doch Radfahren, ihren zweiten Wunsch, möchte er ihr gern erfüllen. In anderthalb bis zwei Jahren könnte Gaedtke ein fremdes Organ statt der Pumpe tragen. Dann sollte dem Hallenbadbesuch nichts mehr im Wege stehen. Sven Gaedtke hofft wieder, dass es aufwärts geht. ■
Susanne Donner erfuhr am Montagabend, den 19. Oktober 2009, von der Herz-OP am nächsten Morgen – und tat in der Nacht kein Auge zu.
von Susanne Donner
Roland Hetzer
Es ist das Abenteuerliche und die Faszination des Unerforschten, das Roland Hetzer nach seinem Studium in die Herzchirurgie zieht. Wie sich das Feld entwickelt, ahnt er damals, in den 1960er-Jahren, nicht. Freunde halten es für Spinnerei. Doch sie irren. Hetzer wird zu einer der international führenden Kapazitäten. Untrennbar ist sein Name mit den Herzen Tausender Patienten verbunden, denen er das Leben gerettet hat.
Mitte der 1980er-Jahre baut Hetzer gemeinsam mit dem Herzchirurgen Emil Bücherl das Deutsche Herzzentrum Berlin auf – ein immenses Wagnis. Der „Tagesspiegel” warnt mit der Schlagzeile „Gigantische Fehlentscheidung”. Zu Unrecht: Hetzer baut das Zentrum als Ärztlicher Direktor zu einer weltweit führenden Klinik aus und setzt als Chirurg immer wieder Wegmarken.
Trotz seiner Erfolge bleibt er bodenständig und überschätzt sich nicht: Operationen am walnussgroßen Herzen von Säuglingen überlässt er erfahrenen Mitarbeitern. Er selbst würde nie so gute Ergebnisse erzielen, weil er in der Kinderherzchirurgie zu wenig Routine habe, gesteht er. Bei aller Ernsthaftigkeit hat er sich auch seinen Humor bewahrt: „So, jetzt hab ich genug geschwätzt. Jetzt hör ich mal auf.” Mit diesen Worten beendet der 66-Jährige eine Pressekonferenz und lacht schelmenhaft darüber. SD
Kompakt:
· Ein Kunstherz rettete Sven Gaedtke das Leben.
· Seine Leidensgeschichte begann wie bei vielen Patienten mit einer Entzündung des Herzmuskels. Eine banale Erkältung könnte die Ursache gewesen sein.
· Im Sommer 2009 wagte Gaedtke sich kaum noch aus seiner Wohnung. Die Atemnot quälte ihn ständig.
· Heute kann er wieder Rad fahren und mit Frau und Tochter spazieren gehen.





