Im Auftrag des polnischen Untergrunds hatte er schon 1939/40 als Illegaler die Reise aus dem besetzten Polen zur Exilregierung in Frankreich und wieder zurück gewagt. Er wurde von der Gestapo gefasst und gefoltert, konnte aber fliehen. Zurück im Untergrund, bereitete er sich 1942 gewissenhaft auf seine wichtigste Mission vor: Im Auftrag des Widerstands sollte er die alliierte Öffentlichkeit über die Judenvernichtung informieren.
Karski ließ sich ins War-schauer Ghetto einschleusen. Verkleidet als ukrainischer Hilfspolizist, schaute er sich persönlich ein Nebenlager des Vernichtungslagers Belzec an. Mit viel Glück schaffte er es nach London. Hier erzählte er jedem, der ihn hören wollte, dass es in den KZ nicht um Kriegs- oder Besatzungsverbrechen ging, sondern dass die Deutschen eine systematische Vernichtung aller Juden in ihrem Herrschaftsbereich durchführten. Die wenigsten schenkten dem Bericht Glauben. Noch schlimmer erging es dem Warner 1943 in den USA: Der Zeugenbericht klang unglaubwürdig, zivilisierte Menschen trauten ihren Ohren nicht. Letztlich unternahm der Westen in der Hochphase des industrialisierten Massenmords nichts, was diesen hätte zumindest verlangsamen können.
Karski schrieb in den USA 1944 einen bald vergessenen Bestseller unter dem Titel „Story of a Secret State“, der jetzt erstmals auch dem deutschen Leser zugänglich wird. Karski befand sich in einer ungewöhnlichen Lage: Der Verleger wollte Authentizität, zugleich durfte nichts veröffentlicht werden, was den Deutschen zu einer besseren Kenntnis des polnischen Widerstands verholfen hätte. So entstand eine Art Hybride von authentischen Begebenheiten und den Zeitumständen geschuldeten Tarnungen.
Auch heute sollte man das Buch nicht wörtlich nehmen: Es ist eine spannende Paraphrase dessen, was wirklich geschah, eine Art Einführung in Alltag, Stimmungen und Haltungen im besetzten Polen. Der Bericht eines heldenhaften Bürgers, der Unfassbares zu vermitteln versucht – und dem niemand zuhören will. Jan Karski wurde erst 40 Jahre später zu einer Ikone der alliierten wie der jüdischen Erinnerung. Yad Vashem verlieh ihm 1982 den Titel „Gerechter unter den Völkern“, weitere Ehrungen folgten. Er konnte es bis in seine letzten Jahre nicht fassen, dass der Westen so kläglich versagt hatte. Gibt es Traurigeres als einen Menschen, der alles getan hat, um ein Schicksal abzuwenden – und damit komplett gescheitert ist?
Rezension: Prof. Dr. Wlodzimierz Borodziej




