Wer mehrere Sprachen spricht, kann sich leichter mit Menschen aus anderen Ländern verständigen und den eigenen Horizont erweitern. Zudem fordert der Wechsel zwischen Muttersprache und Fremdsprachen die geistige Flexibilität heraus. Schon frühere Studien haben darauf hingedeutet, dass Mehrsprachigkeit auch dem geistigen Abbau im Alter entgegenwirken kann. Meist waren aber die Probandenzahlen zu gering für eindeutige Aussagen, oder andere Einflussfaktoren wurden nicht ausreichend berücksichtigt.
Vielsprachigkeit in Europa
Nun hat ein Team um Lucia Amoruso vom Baskischen Zentrum für Kognition, Gehirn und Sprache in Spanien Daten von mehr als 86.000 Menschen aus 27 europäischen Ländern ausgewertet. Die die Forschenden berechneten mit Hilfe eines dafür trainierten Computermodells das biologische Alter der Teilnehmenden, das Auskunft darüber gibt, wie gut Körper und Geist in Schuss sind. Dabei bezogen sie unter anderem Faktoren wie Bildungsstand, Gewicht, Geschlecht, körperliche Aktivität, Erkrankungen und kognitive Leistungsfähigkeit ein. Den ermittelten Wert verglichen sie mit dem tatsächlichen, chronologischen Alter der Personen. Lag das biologische Alter über dem chronologischen, deutete das auf eine überdurchschnittlich schnelle Alterung hin, lag es darunter, auf eine verlangsamte Alterung.
Diese Ergebnisse setzten Amoruso und ihr Team in Beziehung zu den Sprachkenntnissen der Teilnehmenden. Dabei zeigte sich: Wer nur die eigene Muttersprache beherrschte, alterte durchschnittlich schneller. Bei Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen dagegen lag das biologische Alter eher unter dem, was anhand ihres Geburtsdatums und anderer Einflüsse zu erwarten wäre. Die Forschenden stellten sogar einen leichten dosisabhängigen Effekt fest: Je mehr Sprachen, desto besser. Diese Ergebnisse blieben auch bestehen, wenn die Forschenden verschiedene mögliche Einflussfaktoren herausrechneten, darunter den Bildungsstand, die Migrationsgeschichte sowie soziopolitische Faktoren. Zudem zeigte sich der Effekt unabhängig davon, welche Muttersprache die Probanden hatten.
Sprachkurs für gesundes Altern?
„Unsere Ergebnisse unterstreichen die Schlüsselrolle der Mehrsprachigkeit für ein gesünderes Altern“, folgern die Forschenden. „Damit weist die Studie einen gangbaren Weg zur Verbesserung der Funktionsfähigkeit und kognitiven Resilienz alternder Bevölkerungsgruppen.“ Dem stimmen auch Jason Rothman und Federico Gallo vom Brain and Bilingual Experiences Lab der Lancaster University zu, die nicht an der Studie beteiligt waren. In einem begleitenden Kommentar, der ebenfalls in der Fachzeitschrift Nature Aging veröffentlich wurde, schreiben sie: „Wenn Mehrsprachigkeit die Resilienz gegen das Altern stärkt, dann könnte die Förderung des Erlernens zusätzlicher Sprachen in Schulen, der Schutz von Migranten- und Minderheitensprachen sowie die Förderung und Aufrechterhaltung von Möglichkeiten zur Mehrsprachigkeit während des gesamten Lebens genauso wichtig sein wie Kampagnen zur Förderung von körperlicher Aktivität oder zur Raucherentwöhnung.“





