Honigbienen sind wichtige Bestäuber – aber nicht unter allen Bedingungen ein Gewinn für die Artenvielfalt. Mehrere Studien aus Städten zeigen, dass sie Wildbestäubern Pollen und Nektar in relevantem Maß streitig machen können.
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von ROMAN GOERGEN
Über den Dächern von London summt es kräftig. Abseits von Lüftungsschächten und Klimaanlagen wachsen hier inzwischen Kräuter, Obst und Gemüse, Menschen amüsieren sich sogar in kleinen Parks auf Bürogebäuden. Im Mittelpunkt dieses hoch angelegten grünen Stadtbilds: Honigbienen. Hotels, Firmenzentralen, Museen und Wohnhäuser stellen Bienenstöcke auf, oft gut sichtbar, oft mit derselben Botschaft: etwas für die Natur tun, mitten in der Stadt. Anbieter verkaufen Bienenstöcke an solche Kundschaft ausdrücklich nicht nur als Imkerei, sondern als sichtbares Natursiegel für die Nachhaltigkeitsberichte. Honigbienen auf Dächern sind Teil einer Architektur des guten Gewissens geworden. Ein eigenes Glas Stadthonig, ein paar bestäubte Beete, dazu das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Honigbienen passen perfekt in diese Erzählung. Sie sind nützlich, vertraut und leicht zu mögen.
Gerade London scheint dafür wie geschaffen. Die britische Hauptstadt ist überraschend grün, mit Parks, Gärten, Friedhöfen, Brachflächen und langen Reihen privater Hinterhöfe. Wer auf Bestäuber blickt, sieht deshalb zunächst eher eine Chance als ein Problem. Phil Stevenson von den Royal Botanic Gardens kennt diese Sicht: „Es gibt Imker, die Geld damit verdienen, Honigbienen für Unternehmen zu betreuen. Und sie halten diesen Mythos am Leben, dass Honigbienenhaltung etwas sei, mit dem man der Umwelt etwas Gutes tut.“
Stevenson forscht in den weltbekannten Parkanlagen im Vorort Kew in der Disziplin Pflanze-Bestäuber-Beziehungen. 2018 wurde er vom Londoner Imkerverband gebeten, sich die Entwicklung der Bienenhaltung in der Hauptstadt genauer anzuschauen. „Der Vorsitzende war bereits besorgt über die Möglichkeit, dass es zu viele Imker gibt und dass es zu populär wird“, sagt Stevenson. Seine Aufgabe war es, zu untersuchen, was dieser Trend für das ökologische Gleichgewicht der Stadt bedeutet.
Der 2020 veröffentlichte Befund fiel deutlich weniger idyllisch aus als das Bild der grünen Metropole. Grünflächen sind ungleich verteilt und oft ökologisch wenig ergiebig. Große Teile bestehen aus Rasen, der nur begrenzt Nahrung für Bestäuber bietet. Um die Situation zu quantifizieren, berechneten Stevenson und seine Kollegen, wie viel Blütenangebot nötig ist, um eine bestimmte Anzahl von Honigbienenvölkern zu versorgen. Diese Werte kombinierten sie mit Daten zu registrierten Bienenstöcken in der Stadt. Das Ergebnis zeigt ein deutliches Ungleichgewicht. „Unsere Analyse hat gezeigt, dass in mindestens 50 Prozent der Gebiete nicht genügend Nahrungsressourcen vorhanden sind, um die registrierte Anzahl an Honigbienen zu versorgen“, sagt Stevenson. „Ganz zu schweigen von all den anderen Wildbestäubern.“ Denn wenn die Nahrung schon für die gehaltenen und offiziell erfassten Honigbienen knapp wird, geraten andere Arten automatisch mit in den Engpass. Stevenson berechnete, dass eine Stadt wie London langfristig nur etwa 7,5 Honigbienenvölker pro Quadratkilometer nachhaltig tragen kann. Tatsächlich liegen die Dichten vielerorts darüber. Durchschnittlich bewegen sie sich eher im Bereich von zehn bis 30 Völkern pro Quadratkilometer, in einzelnen Stadtteilen können sie auf etwa 50 ansteigen. Die Zahl der Völker wächst schneller als das Nahrungsangebot.
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Experiment widerlegt Photosynthese-Paradigma
17. Juli 2026
Biologie-Lehrbüchern zufolge sind zwei Proteinkomplexe für die Photosynthese unverzichtbar – die Photosysteme I und II. Doch ein Experiment widerlegt dies nun.
Was auf Londons Dächern sichtbar wird, ist inzwischen auch wissenschaftlich breiter unterfüttert. Eine 2022 in Current Research in Insect Science erschienene Übersichtsarbeit der Ökologen Jay Iwasaki und Katja Hogendoorn zum Forschungsstand über gemanagte und eingeführte Bienen berichtet über negative Effekte in 66 Prozent der erfassten Befunde. Auch Studien aus Großstädten wie Montreal oder Paris beschreiben ähnliche Muster. Sie führen zu einer einfachen Frage: Unter welchen Bedingungen werden zu viele Honigbienenvölker für andere Bestäuber zum Problem?
Dieser potenzielle Konflikt ist oft unbekannt, weil in der öffentlichen Wahrnehmung viele sehr verschiedene Bienen und Bestäuberarten zu schnell unter dem Wort „Biene“ zusammenfallen. Wenn von „Bienensterben“ die Rede ist, geraten oft verschiedene Tiere und verschiedene Krisen in einen Topf. Honigbienen sind nur eine Art unter vielen. Weltweit gibt es rund 20.000 Bienenarten, dazu kommen weitere Bestäuber wie Schwebfliegen, Käfer, Schmetterlinge oder Wespen. Auch in der Praxis hängt Bestäubung oft nicht an einer einzigen Art. Untersuchungen aus Großbritannien zeigen, dass Honigbienen dort selbst unter optimalen Bedingungen nur rund 34 Prozent der Bestäubung landwirtschaftlich genutzter Flächen leisten, die auf Insekten angewiesen sind. Den Rest übernehmen wilde Bestäuber, zum Beispiel Hummeln oder andere Wildbienenarten.
Gerade sie machen den Unterschied. Viele Wildbienen leben solitär, jedes Weibchen sammelt allein für den eigenen Nachwuchs. Etwa 32 Prozent der nestbauenden Bienenarten in Deutschland sind beim Pollensammeln auf bestimmte Pflanzenfamilien, Gattungen oder sogar einzelne Arten spezialisiert. Honigbienen dagegen sind Generalisten und vom Menschen gehaltene Nutztiere. Stevenson zieht einen Vergleich heran, er sagt: „Wenn man die Artenvielfalt unter Vögeln retten wollte, würde man auch keine Hühner halten.“ Für Honigbienen gelte Ähnliches: Sie bestäuben Pflanzen, aber sie ergänzen die Leistungen wilder Bestäuber, sie ersetzen sie nicht.
Ökologischer Irrtum
Das Missverständnis entstand Anfang der 2000er-Jahre. Das rätselhafte Sterben ganzer Honigbienenvölker in den USA wurde als sogenannte Colony Collapse Disorder zu einem großen Medienthema. Mehrere Stressoren wurden später als mögliche Auslöser diskutiert: Varroa-Milben und Krankheitserreger, Pestizide, schlechte Ernährung durch fehlende Blütenressourcen sowie Belastungen durch intensive Imkerei. Zur gleichen Zeit dokumentierten Ökologen den Rückgang vieler Wildbestäuber – bei ihnen standen vor allem Lebensraumverlust, Pestizide, fehlende Blüten- und Nistressourcen sowie Klimaeffekte im Vordergrund. In der öffentlichen Wahrnehmung fiel beides schnell zusammen. Aus „Rettet die Bestäuber“ wurde so schnell „Haltet Honigbienen“.
Gerade diese Verwechslung verdeckt, worum es ökologisch eigentlich geht. Städte sind nicht einfach gute Orte für Bienen, sondern oft wichtige Rückzugsräume für sehr unterschiedliche Wildbestäuber. Doch dieses urbane Angebot ist räumlich zerstückelt, jahreszeitlich lückenhaft und nicht unbegrenzt. Genau dort wird die Zahl der Völker entscheidend, Konkurrenz durch dominante Honigbienen kann für schwächere Wildarten existenzgefährdend werden.
Damit ist aber noch nicht gesagt, wie groß dieser Druck im Vergleich zu anderen Belastungen ist. Laura Breitkreuz, Referentin für Biodiversität und Entomologie beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), ordnet das Problem deshalb vorsichtiger ein: „Wildbienen sind nicht vor allem durch Honigbienen bedroht, sondern durch einen Mangel an natürlichem Lebensraum“, sagt sie. Haupttreiber bleiben Strukturverlust in der Landschaft, Pestizide, der Rückgang blühender Flächen und der Klimawandel. Konkurrenz durch Honigbienen sei aus dieser Sicht kein Hauptgrund des Rückgangs, sondern ein zusätzlicher Stressfaktor – vor allem dort, wo viele Völker auf wenig Blütenangebot treffen.
Das gilt nicht nur für London, sondern zum Beispiel auch für Paris. Während die Forschung in der britischen Hauptstadt sich bislang vor allem mit der Tragfähigkeit der Ressourcen befasste, lässt sich an der Seine der Druck auf andere Bestäuber und ihr Ausweichverhalten bereits konkret beziffern. Die Ökologin Lise Ropars untersuchte dort mit ihrem Team sieben Standorte, nachdem die Zahl der Honigbienenvölker in der französischen Hauptstadt stark gestiegen war – auf fast 700 Stöcke im untersuchten Gebiet. Auf diesen Flächen erfassten die Forscher, wie sich die Aktivität wilder Bestäuber entlang dieses Gradienten veränderte – mit eindeutigem Ergebnis: „Je höher die Dichte der Bienenstöcke in der Stadt ist, desto weniger Besuche gibt es durch Wildbestäuber“, so Ropars.
Nicht alle Gruppen reagierten dabei gleich. „Am stärksten betroffen sind große Bienen und Käfer durch die Dichte von Honigbienenvölkern im Umkreis von 500 Metern, Hummeln stärker durch die Dichte im Umkreis von 1.000 Metern“, sagt Ropars. Das passt zu den unterschiedlichen Flugweiten der Tiere. Wie stark der Druck ausfällt, hänge auch von der Jahreszeit ab: „Konkurrenzsituationen verstärken sich in Zeiten knapper Ressourcen, etwa am Ende des Sommers im August“, betont die Ökologin vom Centre d’Écologie et des Sciences de la Conservation, einer gemeinsamen Forschungseinheit des Naturkundemuseums Paris, dem Nationalen Zentrum für Wissenschaftsforschung und der Universität Sorbonne. Trockenperioden könnten diesen Druck zusätzlich verschärfen.
Paris steht mit diesem Muster nicht allein. Im kanadischen Montreal stieg die Zahl der Honigbienenvölker nach 2013 von mehr als 200 auf fast 3.000. Als Forscher dort 2020 erneut Wildbienen erfassten, sanken mit wachsender Honigbienenhäufigkeit sowohl die Pollenverfügbarkeit als auch der Artenreichtum wilder Bienen. Besonders kleine Wildbienen reagierten empfindlich. Entscheidend ist also nicht nur, wie viele Völker in einer Stadt stehen, sondern was ihre Sammelkonkurrenz auf den Blüten tatsächlich bedeutet.
Konkurrenz an der Blüte
Dabei spitzt sich diese Konkurrenz oft schon am Vormittag zu. Für Keng-Lou James Hung von der University of Oklahoma, der Pflanze-Bestäuber-Beziehungen und die Rolle der Honigbiene in natürlichen Lebensräumen erforscht, liegt darin einer der wichtigsten Aspekte. Der Ökologe hat mit seinen Studien selbst belegt, wie wichtig Honigbienen weltweit für die Bestäubung sind, und warnt gerade deshalb vor einer einfachen Schwarz-Weiß-Sicht mit der Honigbiene als Übeltäter. Problematisch werde es aber dennoch dort, wo eine Art lokal so dominant wird, dass sie Blüten früh und in großer Zahl aberntet – und für spätere Sammler deutlich weniger übrig bleibt.
In den von Hung untersuchten Küstenhabitaten um die Stadt San Diego in Kalifornien stellten Honigbienen fast die gesamte Bienenbiomasse. Für viele Wildbienen ist das heikel, weil Pollen für sie nicht bloß Nahrung ist, sondern der Vorrat für den Nachwuchs. Honigbienen beginnen morgens oft früher mit dem Sammeln als viele andere Arten und können in kurzer Zeit große Mengen abräumen. Schon zwei Honigbienenbesuche entfernten an drei häufigen heimischen Pflanzenarten je nach Art rund 60 bis mehr als 76 Prozent des verfügbaren Pollens. Wenn andere Bienen später an dieselben Blüten kommen, sind die Vorräte oft schon weitgehend abgeschöpft.
Das trifft nicht alle Arten gleich. Besonders eng wird es für Bienen, die auf wenige Pollenquellen festgelegt sind, für kleine Arten mit geringem Aktionsradius und für solitäre Arten, bei denen jedes Weibchen den Pollenvorrat für den eigenen Nachwuchs allein zusammentragen muss. Weniger verfügbarer Pollen bedeutet längere Sammelflüge, mehr Suchaufwand und damit mehr Risiko. „Jede zusätzliche Minute außerhalb des Nests schafft eine weitere Gelegenheit für Nesträuber und Parasiten, anzugreifen“, so Hung. Jeder zusätzliche Blütenbesuch erhöht zudem die Gefahr, selbst von einem Räuber erwischt zu werden oder Krankheitserreger aufzunehmen. Wie groß dieser Entzug sein kann, hat sein Team sogar in mögliche Folgen übersetzt. Auf Basis der Pollenmasse eines durchschnittlichen Nestproviants rechneten die Forscher aus, wie viele Wildbienen-Nachkommen sich mit dem täglich von Honigbienen entfernten Pollen theoretisch versorgen ließen: je nach Pflanzenart einige Hundert bis mehrere Tausend pro Hektar und Tag. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher 2025 in Insect Conservation and Diversity.
Versuche auf der Insel ohne Honigbienen
Lässt sich ein solcher Schaden aber auch einfach abwenden, wenn Honigbienen von den Blüten ferngehalten werden? Dieser Frage gingen ein Forscherteam unter der Leitung von Lorenzo Pasquali und Leonardo Dapporto von der Universität Florenz sowie Alessandro Cini von der Universität Pisa zwischen 2021 und 2024 in einem ungewöhnlich direkten Freilandversuch nach. Auf Giannutri, einer kleinen Insel vor der Küste der Toskana, untersuchten sie im Auftrag des Nationalparks, was 18 eingeführte Honigbienenvölker in einem von Natur aus honigbienenfreien Lebensraum bewirken – und was sich ändert, sobald ihr Zugriff auf die Blüten vorübergehend aussetzt. Gerade diese Insellage machte Giannutri zum einzigartigen Freilandlabor und methodisch interessant: Vom Festland konnten keine Honigbienen nachfliegen, und die Insel selbst war klein genug, dass die eingebrachten Völker sie vollständig nutzen konnten. Dadurch ließ sich der Effekt dieser Völker ungewöhnlich klar untersuchen.
An ausgewählten Tagen schlossen die Forscher noch vor Sonnenaufgang die Eingänge der Bienenstöcke. Am Nachmittag wurden die Honigbienen wieder freigelassen. „So hatten Wildbestäuber einen ganzen Tag ohne Honigbienen auf der Insel“, sagt Pasquali. Gemessen wurden dann die Unterschiede der Nektarmengen, Pollenverfügbarkeit, Besuchsfrequenzen und das Verhalten der Wildbienen.
Die Wirkung zeigte sich rasch. Ohne Honigbienen stieg das Nektarangebot in stark genutzten Pflanzen um etwa 60 Prozent, die Pollenverfügbarkeit um rund 30 Prozent. Auch die Wildbienen reagierten sofort. „Sie sammelten effizienter, waren aktiver und bekamen mehr Nahrung pro Zeiteinheit“, sagt Dapporto. Mit offenen Bienenstöcken entfielen fast 60 Prozent aller Blütenbesuche auf die Westliche Honigbiene (Apis mellifera). Nach dem Schließen der Bienenstöcke spielten eine Pelzbienenart (Anthophora dispar) und die Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris) im Besuchsnetzwerk wieder eine deutlich größere Rolle.
Giannutri liefert damit kein fertiges Rezept für die Stadt. Die Insel zeigt aber unter ungewöhnlich klaren Bedingungen, worauf es auch im urbanen Raum ankommt: auf die Grenze dessen, was ein begrenzter Lebensraum an Bestäubern tatsächlich tragen kann. Für Städte verschiebt sich der Maßstab damit weg vom einzelnen Stock auf dem Dach und hin zum Blütenangebot eines Viertels – im Frühjahr, in Trockenphasen und am Ende des Sommers.
Phil Stevenson beobachtet, dass diese Einsicht in London langsam ankommt. „Wir machen gute Fortschritte“, sagt er. Initiativen wie Pollinating London Together versuchten inzwischen stärker, die Aufmerksamkeit auf Wildbestäuber und ihre Lebensräume zu lenken.
NABU-Vertreterin Breitkreuz schärft den Punkt aus deutscher Sicht noch einmal anders. Gerade weil es weiterhin zu wenige Langzeitdaten zu Reproduktion, Fitness und bodennistenden Arten gibt, sei Vorsicht in sensiblen Räumen geboten. Hinzu kommt ein praktisches Problem: Ohne ein öffentlich zugängliches Register lässt sich regional oft gar nicht genau steuern, wie viele Bienenvölker wo stehen.
Genau an dieser Stelle setzt auch eine aktuelle Arbeit um Joan Casanelles-Abella und Monika Egerer von der Technischen Universität München an. Ihr „Urban Bee Concept“ versteht Stadtimkerei nicht als Frage einzelner Dachstöcke, sondern als Planungsaufgabe: Städte müssten Blütenangebot, Völkerdichte, Standortwahl, Hitzebelastung, Gesundheitsmonitoring und Wildbienenlebensräume gemeinsam betrachten. Neben der Konkurrenz um Nahrung rückt damit auch die mögliche Übertragung von Krankheitserregern zwischen Honigbienen und Wildbienen stärker in den Blick.
Wo vieles unsicher bleibt, verschiebt sich die Priorität. Nicht die Zahl der Bienenvölker sollte wachsen, sondern die Qualität des Lebensraums. Entscheidend ist, ob eine Stadt über das Jahr hinweg genug Blüten, Nistplätze und Rückzugsräume für viele verschiedene Bestäuber bietet – und ob sie überhaupt weiß, wie viele Honigbienenvölker diese Ressourcen nutzen. ■
Die Ausbreitung der „afrikanisierten“ Honigbiene
1956 wurden in Brasilien gezielt Honigbienen aus Afrika importiert, um leistungsfähigere Zuchtlinien für tropische Bedingungen zu entwickeln. Kurz darauf entkamen mehrere Schwärme aus einer Forschungsstation und vermehrten sich in freier Wildbahn. In den folgenden Jahrzehnten breiteten sich ihre Nachkommen über den amerikanischen Kontinent aus. Die Ausbreitung erfolgte ungewöhnlich schnell: Schätzungen gehen von etwa 100 bis 300 Kilometern pro Jahr aus. Insgesamt eroberte die Population innerhalb von weniger als 50 Jahren große Teile Süd- und Mittelamerikas sowie Teile Nordamerikas. Bereits 1985 wurden „afrikanisierte“ Honigbienen in Mexiko nachgewiesen, 1990 erreichten sie Texas. Heute reicht ihr Verbreitungsgebiet von Brasilien bis in den Süden der USA.
Die „afrikanisierten“ Honigbienen unterscheiden sich in mehreren Eigenschaften von europäischen Zuchtlinien. Sie schwärmen häufiger, besiedeln neue Gebiete rasch und können sich in vielen unterschiedlichen Lebensräumen etablieren. Dadurch gelang es ihnen, bestehende Populationen anderer Honigbienenlinien in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets zu verdrängen. Entscheidende Faktoren für diese Dynamik sind ihre hohe Reproduktionsrate sowie ihr ausgeprägtes Ausbreitungsverhalten. Neue Kolonien entstehen schnell, und bestehende Populationen wachsen zügig an. Gleichzeitig reagieren die Tiere flexibel auf Umweltbedingungen und nutzen verfügbare Ressourcen effizient, was ihre Etablierung in neuen Regionen zusätzlich erleichtert.
Heute gelten „afrikanisierte“ Honigbienen als eines der am besten dokumentierten Beispiele für die schnelle Ausbreitung einer eingeführten Tierpopulation.
Honigbienen in freier Wildbahn
Honigbienen gelten als klassische Nutztiere – gehalten in Kästen, betreut von Imkern, gezüchtet auf Leistung. Doch Apis mellifera kann auch ohne menschliche Hilfe überleben. In Wäldern und anderen naturnahen Lebensräumen nisten Honigbienen in Baumhöhlen, Felsspalten oder anderen Hohlräumen und bilden eigenständige Kolonien. Solche Populationen sind lange Zeit kaum beachtet worden. Untersuchungen zeigen jedoch, dass wild lebende Honigbienen in manchen Regionen häufiger vorkommen als angenommen. In einem Waldgebiet im US-Bundesstaat New York wurde etwa eine besetzte Baumhöhle pro Quadratkilometer dokumentiert. Auch in Europa werden zunehmend Kolonien gefunden, etwa in Baumhöhlen oder sogar in hohlen Strommasten in Agrarlandschaften.
Diese frei lebenden Völker unterscheiden sich in wichtigen Punkten von gemanagten Bienenstöcken. Sie sind nicht auf menschliche Eingriffe angewiesen und unterliegen vollständig der natürlichen Selektion. Gleichzeitig können sie mit Parasiten und Krankheiten umgehen, ohne medizinische Behandlung durch Imker. Forschende sehen darin einen möglichen Hinweis auf Anpassungsmechanismen, die in stark bewirtschafteten Populationen verloren gehen könnten. Auffällig ist auch ihr Verhalten im Ökosystem: In natürlichen Nestern treten Honigbienen in Wechselwirkung mit anderen Arten. So können etwa Pseudoskorpione in Baumhöhlen leben, die Parasiten wie die Varroa-Milbe reduzieren. Solche Beziehungen fehlen in standardisierten Bienenkästen weitgehend.
Dass Honigbienen auch ohne Imkerei stabile Populationen bilden können, hängt jedoch stark von den Umweltbedingungen ab. Entscheidend sind ausreichende Nistmöglichkeiten und ein kontinuierliches Angebot an Blütenressourcen. In intensiv genutzten Landschaften fehlen diese Voraussetzungen häufig. Die Beobachtung wild lebender Honigbienen verändert damit den Blick auf die Art: Sie ist zugleich Nutztier und Wildtier. Ihre Fähigkeit, sich an unterschiedliche Lebensräume anzupassen und eigenständig Populationen aufzubauen, gilt als ein zentraler Faktor für ihren globalen Erfolg.
ROMAN GOERGEN lebt im Londoner Stadtteil Greenwich und sieht dort, wie eng Stadtgrün, Dachgärten und Honigbienen inzwischen mit urbaner Nachhaltigkeit verbunden sind.
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