Fest steht: Atommüll ist gefährlich und muss sicher weggeschlossen werden. Und: Eine beständige geologische Struktur in großer Tiefe ist die sicherste Atommüll-Lagerstätte. Atommüll ins Meer zu kippen, über viele Tausend Jahre in einem oberirdischen Zwischenlager zu lassen oder ihn mit einer Rakete ins Weltall zu schicken – das sind keine ernst zu nehmenden Alternativen. Fest steht auch: Jede Entsorgungsmöglichkeit für Atommüll birgt ein Restrisiko für die heute und in Zukunft lebenden Menschen. Doch im Unterschied zu Kernkraftwerken besteht keine Möglichkeit zu sagen: „Ich will dieses Risiko nicht in Kauf nehmen.” Das Risiko der Endlagerung ist der Preis, den alle Atomstaaten dafür zahlen müssen, dass sie sich für die Nutzung der Kernkraft entschieden haben.
Forscher arbeiten viel mit Szenarien und Wahrscheinlichkeiten, um die Langzeitsicherheit eines möglichen Endlagers zu berechnen. Kritik daran fällt leicht: Es gibt immer Szenarien und Gefahren, die sich kein Mensch ausdenken kann. Das stimmt zwar – diese Kritik hilft aber nicht weiter. Die Konsequenz wäre nämlich, kein Endlager zu bauen. Fest steht aber: Deutschland braucht ein Endlager für hochradioaktive Abfälle. Und wer sich mit Wissenschaftlern unterhält, die sich mit der Entsorgung von radioaktivem Abfall befassen, wird zum Schluss kommen, dass sie versuchen, ein – unter den genannten Voraussetzungen – sicheres Endlager zu ermöglichen. Die Fachleute, egal aus welchem Kernkraft-Lager sie kommen, sind sich einig: Es spricht aus wissenschaftlicher und technischer Sicht nichts gegen den Bau eines sicheren Endlagers.
Es sind weniger die technischen Probleme, die einer Lösung der Endlagerfrage im Wege stehen, als die gesellschaftlich-politischen Konflikte. In Deutschland ist das Thema Endlagerung oft mit der individuellen Einstellung zur Kernenergie verknüpft. Wer gegen Atomkraftwerke ist, der ist auch gegen alle Aktivitäten in Sachen Endlager. Die Proteste gegen Castor-Transporte zeigen das. Emotionen bestimmen die Debatte. Zudem haben die Politiker Fehler gemacht: Sie haben – zusammen mit der damaligen Gesellschaft für Strahlenforschung, heute Helmholtz Zentrum München – mit der Asse ein Paradebeispiel für ein gescheitertes Endlager-Projekt geliefert. Und die Festlegung auf Gorleben als alleinigen Erkundungsstandort setzte das falsche Signal. Das Problem ist nicht, dass die Entscheidung auf Gorleben gefallen ist. Das Problem ist, dass nicht ehrlich genug, transparent genug und verständlich genug erklärt wurde, warum. Bei vielen Menschen hat sich die Meinung verfestigt, dass die Entscheidung vor allem aus wirtschaftlich-politischen Machtinteressen heraus getroffen wurde. Und das macht Angst.
Die Aufgabe von Politikern und Wissenschaftlern ist es, den Menschen diese Angst zu nehmen. Dazu müssen sie Erkenntnisse und Entscheidungen transparent, nachvollziehbar und überprüfbar machen. Neben Gorleben muss noch ein zweiter, vielleicht auch ein dritter Standort erkundet werden. Denn selbst wenn Gorleben technisch gesehen ein sehr guter Standort sein sollte – die Bürger werden es weder glauben noch akzeptieren. Sie werden glauben, dass getrickst und gemauschelt wurde, bis das gewünschte Ergebnis feststand. Die großen Energiekonzerne dürften ein Interesse daran haben, dass Gorleben rasch zum Endlager gekürt wird. Schließlich müssen sie die Erkundung von Endlagerstandorten bezahlen. Davon abgesehen könnten Gerichte die mögliche Standortwahl Gorleben eines Tages kippen. Dann stünde man wieder ganz am Anfang. Und der Atommüll wäre immer noch da. ■
Ein Kommentar von Martin Borré und Konstantin Zurawski





