Als in der Zeit Caesars und unter der Regierung des Augustus, also in der Mitte und zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts vor Christi Geburt, große Gebiete des europäischen Festlands nördlich der Alpen Teil des römischen Reiches wurden, stießen dort zwei grundverschiedene Welten aufeinander. In den Landschaften des mittleren und nördlichen Galliens, im linksrheinischen nieder- und obergermanischen Raum sowie in den Gebieten zwischen der Donau und dem Alpennordrand lebten die hier siedelnden keltischen und germanischen Stämme noch in einer vorgeschichtlichen Welt. Über deren Lebensgewohnheiten sind wir nicht nur durch die Forschungsergebnisse der Archäologie, sondern auch durch die Schriften römischer Autoren gut unterrichtet. Caesar selbst berichtet in seinen Schilderungen der gallischen Feldzüge, die er von 58 bis 51 v. Chr. unternahm, immer wieder über die keltischen und germanischen Gemeinschaften, mit denen er in diesen Jahren in Kontakt kam.
Etwa 150 Jahre nach ihm, im ersten Jahr der Regierung des Kaisers Trajan, war es Tacitus, der mit seiner Schrift über die Germanen das römische Wissen seiner Zeit über diese Völkergemeinschaft, die östlich und nördlich der Kelten ansässig war, zusammenfaßte. Obgleich Caesar und Tacitus sich hinsichtlich der Völker nördlich der Alpen in mancherlei Details irrten, konnte die moderne Archäologie und Geschichtsforschung die grundsätzliche Richtigkeit ihres Bildes von den Kulturzuständen bei Kelten und Germanen jedoch bestätigen. Beide Völkerschaften waren zersplittert in rivalisierende Stämme, ohne Staat, ohne entwickelte Schrift und mit einer Wirtschaft auf rein agrarischer Grundlage und nur gering entwickelter Arbeitsteilung. Alleine in Teilen der keltischen Siedlungsgebiete von Mittelgallien bis zur mittleren Donau hin hatten sich innerhalb der Stämme soziale Unterschiede schon stärker herausgebildet und es war zur Entstehung von größeren befestigten Siedlungen gekommen, die Caesar als oppida bezeichnete, für die aber die Bezeichung “Stadt” im damaligen mediterranen Sinne weit zu hoch gegriffen sein dürfte.
Auf diese “einheimische” Welt, die noch tief in den Traditionen der west- und mitteleuropäischen Bronze- und Eisenzeit verwurzelt war, trafen in den Jahrzehnten vor der Zeitenwende die römischen Legionen, die von Caesar und später von den Beauftragten des ersten Kaisers Augustus in den Norden geführt wurden. Diese Legionen, deren Kommandostab aus Angehörigen des Senatoren- und Ritterstandes, also der römischen Oberschicht, bestand und deren Soldaten römische Bürger aus Italien und anderen Gebieten des Mittelmeerraumes waren, repräsentierten eine ganz andere Welt – die der mediterranen Hochkultur. Es waren zunächst diese Legionen, die – sozusagen als “Kulturträger”– die Errungenschaften dieser Hochkultur in die Gebiete westlich des Rheins und südlich der Donau brachten. Im Gefolge dieser Truppen, in deren Troß sich ohnehin Händler und Handwerker befanden, erschienen schließlich in den für Rom dauerhaft neu gewonnenen Gebiete Vertreter aller mittelmeerischen Berufsgruppen: Verwaltungsfachleute, Schreiber, Ingenieure, Architekten, Ärzte, Künstler, Lehrer, Juristen und viele andere. Diese Menschen, die in den Legionslagern Dienst taten, sich in den Vorstädten der Legionsstandorte niederließen oder in den neu gegründeten römischen Städten wohnten, waren innerhalb der keltisch-germanischen Welt Boten der griechisch-römischen Kultur – und dies, wie die darauf folgenden Jahrhunderte zeigten, mit dauerhafter Wirkung. Fragt man nach eben dieser Fernwirkung Roms für den Raum nördlich der Alpen über das Ende der römischen Epoche hinaus, also nach den dauerhaften Kulturleistungen Roms für die Völker Galliens und Germaniens, dann ist zunächst der Blick auf den Übergang von der spätrömischen Zeit – der sogenannten Spätantike – hin zum frühen Mittelalter zu richten. Es ist die in der Geschichtsforschung so genannte Völkerwanderungszeit, die man gemeinhin 376 beginnen läßt, also dem Jahr, in dem die germanischen Westgoten, von den Hunnen bedrängt, im unteren Donaugebiet auf römisches Reichsgebiet übertraten, die gewissermaßen eine Art Tor zwischen römischer Antike und Mittelalter darstellt. Was an römischen Kulturleistungen gerettet werde sollte, mußte durch dieses Tor der Völkerwanderungszeit hindurch oder es war für den Raum nördlich der Alpen verloren – zumindest für die nächsten Jahrhunderte.




