Während des Ersten Weltkrieges entfernte sich der Reichstagsabgeordnete Erzberger, der schon im Kaiserreich mit der Aufdeckung von Skandalen in der deutschen Kolonialverwaltung für Furore gesorgt hatte, zunehmend vom politischen Mainstream: Hatte er 1914 noch die Kriegserklärung unterstützt und zugunsten des Burgfriedens auf politische Forderungen verzichtet, setzte er sich von 1917 an für einen Verständigungsfrieden ein – auch gegen den Widerstand seiner Partei, die weitgehend auf einen „Siegfrieden“ hoffte. Gegen massiven gesellschaftlichen und politischen Widerstand warb Erzberger für die Anerkennung des Versailler Friedensvertrags mit seinen harten Bedingungen. Die Situation war dramatisch, denn vor der Vertragsunterzeichnung war die Wahl zwischen Krieg und Frieden noch nicht entschieden. In realistischer Einschätzung des politischen Handlungsspielraums wollte der Politiker mit den Alliierten kooperieren, um zu einem späteren Zeitpunkt Erleichterungen auszuhandeln. Neuere geschichtswissenschaftliche Forschungen belegen, dass Erzberger die Situation richtig beurteilte, doch damals rief er den Hass konservativer Kreise hervor, die die Anerkennung des Versailler Vertrags als „Erfüllungspolitik“ anprangerten. Am 26. August 1921 wurde der „bestgehaßte aller deutschen Politiker“ (Ernst Troeltsch) von zwei rechtsnationalen Offizieren ermordet. Sein gewaltsamer Tod zeugt von der Radikalisierung des politischen Lebens, an der die Weimarer Republik schließlich zugrunde gehen sollte.
Rezension: Felix Nothdurft




