von BETTINA WURCHE
Wie Schwerter ragen die Rückenflossen der Orcas empor, ihre schwarz glänzenden Rücken erscheinen rhythmisch in den Wellen vor den einsamen Stränden und Nadelwäldern der kanadischen Provinz British Columbia. Die Meeresstraßen zwischen Vancouver Island und dem Festland bis zur Puget-Sound-Bucht im Nordwesten des US-Bundesstaates Washington gehören zu den besten Orten der Welt, um die intelligenten Meeresjäger zu beobachten.
Deshalb begann der Biologe Michael Bigg im Jahr 1970 auch genau dort mit seiner Erforschung der Schwertwale. Er entwickelte die Methode der Foto-Identifikation (Foto-ID), die zum Meilenstein für die Orca-Forschung wurde.
Sie basiert auf Fotos von den fast zwei Meter hohen Rückenflossen (Finne) der Männchen und den kleineren, gebogenen Finnen der Weibchen sowie dem hellen sattelförmigen Fleck dahinter – Orca-Finne und Sattelfleck sind so unverwechselbar wie ein menschlicher Fingerabdruck. Als Bigg 1973 den ersten Foto-ID-Katalog vorlegte, ließen sich damit erstmals Walgruppen und Individuen identifizieren. Jeder Gruppe aus mehreren Familien hatte er einen Großbuchstaben zugeordnet, jedem Wal eine individuelle Nummer.
Wenig später richtete John Ford in Telegraph Coveuf Vancouver Island eine weitere Forschungsstation ein. Er und seine Forscherkollegen erkannten, dass viele Schwertwale dort regelmäßig erschienen und gemeinsam Lachse jagten. Wegen ihrer Ortstreue erhielten sie den Namen „Residents“. Sie wurden zu den weltweit am besten erforschten Orcas. Durch sie weiß man heute viel über die sozialen Strukturen und das Zusammenleben von Schwertwalen, und dass es verschiedene Kulturen und Ökotypen gibt.
Die Biologen erkannten etwa, dass jede Familie von einer Matriarchin angeführt wird und aus ihren Söhnen, Töchtern und deren Nachwuchs besteht. Sie konnten zudem beobachten, dass sich Familien treffen und größere Gruppen bilden. Aufnahmen ihrer Laute mit Unterwassermikrofonen, sogenannten Hydrofonen, ergaben, dass Familien zwar individuelle „Dialekte“ haben, sich manche Familien aber offensichtlich trotzdem verstehen. So fassten die Biologen mehrere Familien mit engen Beziehungen zu Gruppen (pods) zusammen. Die Forscher stellten fest, dass sich jeweils Männchen und Weibchen verschiedener Orca-Pods paaren, was Inzucht vermeidet. Nach dem Tod der Matriarchin bleiben manche Familien zusammen, während andere sich in neue Gruppen aufsplitten – die verwandten Familienmitglieder pflegen aber auch dann häufig noch enge soziale Beziehungen.
Mehrere Gruppen von Orcas werden von den Biologen zu Clans zusammengefasst, mehrere Clans zu einer Population oder einem Ökotyp. Wobei die Grenzen zu eigenen Unterarten oder Arten schwer zu ziehen sind.





