Die Masern sind nicht nur eine Kinderkrankheit mit Fieber und roten Hautflecken, sondern sie können auch lebensgefährliche Komplikationen wie Hirnentzündungen, Lungenentzündungen und Organversagen verursachen. Noch im Jahr 2000 könnten weltweit bis zu 40 Millionen Menschen an dieser Infektionskrankheit erkrankt und mehrere hunderttausend Kinder daran gestorben sein. Im Jahr 2019 erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Masern offiziell zu einer Bedrohung für die öffentliche Gesundheit. Denn obwohl es einen wirksamen Impfstoff gibt, ist dieser in vielen Entwicklungsländern nicht für alle verfügbar. In den westlichen Industrieländern sorgen dagegen Impfmüdigkeit und Impfskepsis immer wieder für lokale Ausbrüche – auch weil das Masernvirus zu den ansteckendsten Erregern überhaupt gehört. Bei diesem Erreger handelt es sich um ein einsträngiges RNA-Virus, das heute ausschließlich beim Menschen vorkommt. Der engste Verwandte dieses Virus ist jedoch das Rinderpestvirus, der Verursacher einer seit 2011 offiziell als ausgerottet geltenden Tierseuche.
Eine gut 100 Jahre alte Lunge als virologischer Glücksfall
Die enge Verwandtschaft der beiden Viren legt nahe, dass der Masernerreger sich einst aus dem Rinderpestvirus entwickelt hat. Er könnte demnach vom Rind auf den Menschen übergesprungen sein. Bisher war allerdings unklar, wann dieser Artsprung passierte, denn historische Aufzeichnungen geben dazu nur wenig her. Der ausführlichste Bericht stammt von einem persischen Arzt aus dem 10. Jahrhundert, auch eine Seuche im 7. Jahrhundert könnte auf die Masern zurückgehen. Passend dazu legten Mutationsanalysen des Maservirengenoms bisher einen Ursprung dieses Erregers im 9. Jahrhundert nahe. Ausgehend von einem glücklichen Zufallsfund im Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin haben nun Ariane Düx vom Robert-Koch-Institut in Berlin und ihre Kollegen erneut untersucht, wann das Masernvirus entstanden sein könnte.
Auf der Suche nach möglichen frühen Präparaten des Masernvirus stießen die Wissenschaftler in einer Sammlung von Lungenpräparaten, die einst Rudolf Virchow und seine Nachfolger konserviert hatten, auf ein besonderes Präparat. “Es handelte sich um einen Fall aus dem Jahr 1912, der an einer tödlichen, durch Masern verursachten Bronchopneumonie litt”, berichten Düx und ihr Team. Die in dieser Lungenprobe enthaltenen Masernviren aus dem Jahr 1912 sind die ältesten bisher bekannten. Das nächstjüngere Masernviren-Isolat ist der sogenannte Edmonston-Stamm aus dem Jahr 1954. Der Fund des alten Masernstamms eröffnete Düx und ihrem Team damit weit bessere Chancen als zuvor, die Mutationsrate des Masernvirus und damit auch das Tempo seiner Evolution genauer einzugrenzen.





