Pendeln Mikroben zwischen den Planeten? Mars und Erde unterhalten einen regen Materialaustausch. Viele Steine flogen im Laufe der Jahrmilliarden zwischen den Nachbarn im Sonnensystem hin und her. Vielleicht brachten sie auch das Leben zur Erde
So landete auch ein Brocken von knapp zwei Kilogramm Masse vor 13000 Jahren im Schnee der Antarktis, wurde zugeschneit und verschwand tief im Eis. 1984 wurde er entdeckt. Er bekam die Fundnummer ALH 84001 – und wurde weltberühmt.
Im März dieses Jahres fand in Houston/Texas eine Konferenz über diesen Fund statt: Enthält er nun Lebensspuren oder nicht? Endlose Diskussionen – ohne konkretes Ergebnis. Die Frage nach der wahren Natur der Spuren – Fossilien oder lediglich leblose Mineralien – könnte in den nächsten Monaten endlich eine Antwort finden: Die amerikanische Biochemikerin Kathie L. Thomas-Keprta will mit einer neuen Methode einzelne der Bakterien vom Gestein lösen und öffnen.
Die Mars-Meteoriten könnten dann ein neues Gesicht erthalte – sie, die lange vor ALH 84001 herabgestürzt sind, hätten das Leben auf der Erde nicht nur bedroht, wie die großen Bomben, die für diverse Artensterben verantwortlich gemacht werden: Sie könnten das Leben, das auf dem Mars vielleicht schon entstanden war, überhaupt erst auf die Erde gebracht haben. Die Forscher beschäftigt auch die Frage nach dem “Massenaustausch” im Planetensystem. Denn es fliegen nicht nur Brocken vom Mars zur Erde, sondern auch umgekehrt – und andere Planeten und Monde bleiben auch nicht verschont.
Prof. Joseph Burns, der Leiter der erfolgreichen Arbeitsgruppe an der Cornell-Universität, betont, daß es sich nicht nur um die Einbahnstraße Mars-Erde handelt: “Wir haben herausgefunden, daß Planeten und Monde andauernd Materie austauschen.” Burns geht noch weiter: “Wir bekommen jeden Monat Material vom Mars geliefert.” Seine Rechnung wird von den Funden – vor allem aus der Antarktis – gestützt: Von den rund 15000 bisher geborgenen Meteoriten sind 12 als Mars-Meteoriten identifiziert, 11 kommen mit Sicherheit vom Mond, und viele sind noch gar nicht ausreichend untersucht worden, um ihre Herkunft sicher festzustellen.
Ob ein interplanetarer Lebenstransfer stattfand oder nicht, läßt sich vielleicht durch künftige Landungen auf dem Mars entscheiden: Gab es hier tatsächlich Leben oder gibt es das sogar heute noch? Eine der wichtigsten Prüfungen wäre, ob eine gefundene Lebensform mit irgendeiner auf der Erde verwandt ist. Falls diese Lebewesen den gleichen Aminosäure-Code wie Bakterien der Erde benutzen würden, könnte man von einem gemeinsamen Ursprung ausgehen. Aus dem Grad der Ähnlichkeit ließe sich sogar ermitteln, wann sich die Wege der Organismen getrennt haben.
Falls das Leben auf dem Mars eine gänzlich andere biologische Struktur hätte als das auf der Erde, wäre das wirklich eine Sensation: Wenn schon auf zwei benachbarten Planeten unabhängig voneinander Organismen entstehen, müßte Leben ein im ganzen Universum sehr verbreitetes Phänomen sein.
Nach der natürlichen, Jahrmilliarden alten Art des Materieaustauschs zwischen Mars und Erde hat der Mensch mit seiner Technik einen neuen, künstlichen Materietransfer geschaffen. Er könnte das biologische Antlitz beider Planeten nachhaltig verändern. Den Anfang haben wir mit unseren Raumsonden schon gemacht.
Till Mansmann





