Nach zwanzig Minuten kam das Aus. Die unter russischer Federführung stehende Marsmission “Mars `96” scheiterte bereits wenige Minuten nach ihrem Start. Zunächst sah alles nach einem Bilderbuchstart aus. Am Abend des 16. November hob die Trägerrakete ab. Die ersten drei Triebwerksstufen zündeten wie vorgesehen, doch nach 20 Minuten verschwand die Rakete in einem sogenannten Schatten, jeglicher Funkkontakt war abgebrochen.
Nach zwölf Minuten bangen Wartens, als die Bodenstation wieder Signale von dem Raumgefährt empfangen konnte, war klar, daß die Marsmission gescheitert war. Die Sonde befand sich weiterhin in einer Umlaufbahn und konnte nicht wie vorgesehen auf den Weg zum Mars geschickt werden. Ursache für das Desaster war vermutlich ein Fehler in der vierten Triebwerksstufe.
DieTrägerrakete vom Typ Proton-K gilt zwar als zuverlässiges “Arbeitstier”, Fachkreise hatten jedoch mehrmals darauf hingewiesen, daß die russische Raumfahrt aufgrund akuter Finanzprobleme in Schwierigkeiten steckt. Neben der großen Enttäuschung für alle Beteiligten sorgte vor allem das für den Antrieb von Elektromotoren vorgesehene Plutonium an Bord der Rakete für ernsthafte Bedenken. Die Wissenschaftler beruhigten die Öffentlichkeit aber mit der Feststellung, daß das radioaktive Material sicher verpackt sei. Die Behälter könnten sowohl die Hitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre als auch die Wucht des Aufpralls auf die Erdoberfläche überstehen. Bis zu einem “Absturz” könne es aber bis zu 30 Tage dauern.
So lange ließ sich die Sonde aber nicht Zeit. Bereits am Sonntag abend traten zumindest Teile von ihr in die Atmosphäre ein. Die vermutliche Absturzstelle liegt mehrer hundert Kilometer westlich von Chile im südlichen Pazifik. Es wird erwartet, daß die Ausrüstung der Forschungssonde, die für eine Landung auf dem Mars vorgesehen war, einen Absturz zumindest in Teilen überstehen kann. Dazu gehören zwei Fahrzeuge, die insgesamt 284 Gramm radioaktives Material an Bord tragen. Sollten Teile der Sonde bis zur Erdoberfläche vorgedrungen sein, liegen sie aller Wahrscheinlichkeit in mindestens 5000 Metern Meerestiefe. Ein Sprecher des amerikanischen Präsidenten sagte, wenn eine Freisetzung radioaktiven Materials in großer Höhe geschehe, stelle dies keine Gefahr für Menschen dar. In niedrigeren Höhen könnte das Plutonium gefährlich oder sogar tödlich sein. Plutonium 238 verursacht Lungen- und Knochenmarktumore. Die Halbwertszeit des Isotops liegt mit 87 Jahren allerdings sehr niedrig.
Das Scheitern von Mars `96 ist nicht nur für die russische Raumfahrt ein herber Schlag. Auch Deutschland war mit 250 Millionen Mark an dem insgesamt über 2 Milliarden Mark teuren Projekt beteiligt. Herzstück des deutschen Engagements waren zwei Kameras, eine Weitwinkel- und eine Infrarotkamera. Ziel von Mars 96 wäre die Erforschung der Atmosphäre, der Oberfläche, des Magnetfeldes und der Zusammensetzun des Mars gewesen. Es war geplant zwei “Penetrators” (Boden-Meßsonden) und zwei “Small Stations” (Forschungsstationen) auf dem Mars zu landen. Letztere war ein neues Landeverfahren geplant, daß auch bei der amerikanischen Pathfinder-Mission angewendet werden soll.
Sebastian Jutzi





