Das farbige Bild ihrer Geschichte und Kultur, gewonnen aus archäologischen Funden, literarischer Überlieferung und inschriftlichen Zeugnissen, reicht von der eng mit der Kykladenkultur verbundenen Frühzeit (6.–2. Jahrtausend v. Chr.) über mykenische Kuppelgräber, archaische Tyrannen und die Einbindung der Tetrapolis in den athenischen Bürgerstaat der klassischen und hellenistischen Zeit bis in die römische Epoche, als sich der berühmteste Sohn Marathons, Herodes Atticus, auf seinem heimatlichen Landsitz vergnügte. Auch die byzantinische Zeit mit ihren Kirchen und Kapellen, die fränkische Besetzung nach 1204 und die heutige Nutzung als Naherholungsgebiet der Athener fehlen nicht. Die vier Jahrhunderte der türkischen Herrschaft und die Besiedlung der Ebene durch albanische Bauern sind jedoch der für Archäologen in Griechenland lebensnotwendigen political correctness zum Opfer gefallen. Dem chronologischen Teil vorangestellt sind eine Einladung, den Spuren bekannter Reisender und Forscher seit dem 17. Jahrhundert nach Marathon zu folgen, und eine ausführliche Beschreibung der Topographie sowie der Mythen und Heiligtümer der Region. Nachgestellt sind eine Skizze des Marathon-Laufes als olympische Disziplin, eine nützliche Bibliographie und (zu) wenige Anmerkungen. Buchstäblich im Zentrum des Buches stehen Vorgeschichte und Ablauf der Schlacht von Marathon 490 v. Chr. Der unerwartete Sieg griechischer Hopliten über eine erdrückende persische Übermacht machte Marathon zu einem der bedeutendsten europäischen Erinnerungsorte für Militärs, Philosophen und Politiker. Den einen galt Marathon als Beispiel genialer Kriegskunst, den anderen als schicksalhafte Abwehrschlacht des freien Idealismus gegen den orientalischen Despotismus (Hegel) und als Ereignis, das selbst für die englische Geschichte wichtiger gewesen sei als die Schlacht bei Hastings (John Stuart Mill). Die zahlreichen Abbildungen und die Ausstattung des Bandes sind von gewohnt hoher Qualität, ungewohnt hoch ist dagegen die Zahl der Druckfehler und Versehen, etwa bei Bildlegenden, der Widersprüche und der historischen Sachfehler. Am ärgerlich?sten ist die mehrfach genannte Herkunft des Miltiades aus dem Geschlecht der „Philiaden“ anstatt der Philaiden.
Dennoch erfüllt der Band seinen Zweck als Einführung in die historische und kulturelle Eigenart einer höchst interessanten Landschaft abseits der touristischen Zentren.
Rezension: Eder, Walter




