Der Patient liegt entspannt auf der Liege. Mit einer Handspule, die aussieht wie eine überdimensionierte Acht, fahren Neurologen der Medizinischen Hochschule Hannover langsam über seinen Kopf. Jetzt zuckt sein Daumen – ihre Suche war erfolgreich.
Die Ärzte haben den Punkt gefunden, an dem sie das Gehirn des Patienten mit einem gebündelten Magnetfeld stimulieren müssen, um ihn aus seiner depressiven Stimmung herauszuholen. Das ist keine Science-fiction, sondern aktuelle klinische Forschung: Die Ärzte erproben die „repetitive transkranielle Magnetsimulation” (rTMS), ein Verfahren, das in Zukunft vielen Menschen mit psychischen Problemen wieder zu einer ausgeglichenen Gemütslage verhelfen könnte.
Was genau im Gehirn von depressiven Patienten schiefläuft, ist bis heute ein Rätsel. Dennoch gelingt es oft, mit Psychopharmaka den Gehirnstoffwechsel so anzukurbeln, daß sich die Symptome wie Traurigkeit, Antriebsarmut und innere Unruhe wieder verflüchtigen. Wenn aber Medikamente und psychotherapeutische Verfahren versagen, bleibt den Ärzten bisher als letztes Mittel nur die Elektro-Krampftherapie. Dabei wird das Gehirn unter hohe Spannung gesetzt und so ein Krampfanfall ausgelöst, der den ganzen Körper erfaßt. Um Schmerzen und die Gefahr von Knochenbrüchen zu umgehen, ist eine Vollnarkose notwendig. Die Erfolgsrate des „Blitzschlags im Gehirn” ist recht groß, aber das martialisch anmutende Verfahren findet bei Psychiatern und Patienten verständlicherweise nur wenig Akzeptanz.
„Die rTMS ist gewissermaßen die sanfte Form der Elektro-Krampftherapie”, erläutert Jens Rollnik, Oberarzt an der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie der Medizinischen Hochschule Hannover. „Und sie bietet eine gezieltere Behandlung, die zudem schmerz- und risikoärmer ist.” Nicht mehr das ganze Gehirn wird von Strom durchflossen, sondern mit einer Magnetspule lassen sich fein dosierte Magnetfelder erzeugen, die nur eng umgrenzte Regionen im Stirnhirn stimulieren. Das Magnetfeld induziert in den Hirnzellen leichte Ströme, die nicht stärker sind als normale Nervenimpulse. Der Patient spürt außer einem leichten Kribbeln auf der Stirn so gut wie nichts.
Bevor die eigentliche Behandlung beginnt, müssen die Mediziner den maximalen Stimulationsort, der von Patient zu Patient leicht unterschiedlich liegen kann, sowie die geeignete Frequenz festlegen. Dazu suchen sie den Punkt in der motorischen Großhirnrinde, an dem sich mit dem Magnetfeld ein Zucken des Daumens auslösen läßt. Von hier gehen sie fünf Zentimeter in Richtung Stirn. Diese Stelle stimulieren die Ärzte 20 Minuten an zehn aufeinanderfolgenden Tagen.
Was die Magnetstimulation im Gehirn letztlich bewirkt, ist bisher nicht ganz klar. Nach der Behandlung wird die stimulierte Region in jedem Fall besser durchblutet und der Glukoseverbrauch ist erhöht.
In Deutschland arbeiten bis jetzt zehn klinische Zentren mit der neuen Methode. „Die rTMS ist noch weit entfernt, medizinischer Standard zu werden”, beschreibt Jens Rollnik den derzeitigen Stand der Forschung, „aber unsere Ergebnisse lassen für die Zukunft einiges erwarten.”
Ulrich Fricke /





