Im Alter von neun Jahren bestieg Herzog Carl Eugen (1737–1793) den Thron, mit 16 wurde er für mündig erklärt und konnte darangehen, seiner Leidenschaft für Kunst, Kultur und absolutistische Selbstdarstellung zu frönen – auch wenn sein Traum, seinen Hof zu einem der glänzendsten Europas zu machen, sein Land fast in den Ruin trieb. Und er reiste nach Venedig, viermal im Lauf seines Lebens. Erst im Rahmen einer klassischen Kavalierstour, dann 1762 sechs Wochen und 1766 fast ein halbes Jahr lang: begleitet von 125 Personen (Hofangestellten vom Musikdirektor bis zum Kaffeesieder, Mätressen und ihren Müttern). Vom Beginn des Karnevals bis zur Prunkregatta an Himmelfahrt genoss man die offiziellen und die privaten Festlichkeiten, ging in die Oper und ins Theater und übte sich in heiterer venezianischer Lebensart. Eine vierte Reise unternahm er später mit seiner zweiten Gemahlin Fran‧ziska von Hohenheim.
Das Erlebnis Venedig inspirierte den Herzog zu einer eigenen Venezianischen Messe. Dafür kombinierte er zwei Besonderheiten seines Vorbilds: das Maskentreiben und den Warenverkauf unter freiem Himmel. In der Presse ließ er zur Messe einladen und kundtun, die in- und ausländischen Kaufleute sollten en masque erscheinen. Umrahmt von herzoglichen „Winterdivertissements“, begann am 19. Januar 1768 die zweiwöchige Messe auf dem Marktplatz Ludwigsburgs (erst 1775 wurde die Residenz nach Stuttgart zurückverlegt). Sie lockte Händler, Kundschaft und Amüsierwillige aus dem In- und Ausland an und begründete eine Tradition, die bis 1793 dauern sollte.
Viele Verkäufer und Besucher waren maskiert. Wer (noch) keine Maske besaß, konnte sich auf der Messe ausstaffieren, wo Masken und „Domino [weite Mäntel] von allerhand Couleuren“ angeboten wurden. Es entstand ein „buntes Getümmel von Masken, welche die tollsten Aufzüge und Spiele aufführten“, so erinnerte sich der Dichter Justinus Kerner (vermutlich an Geschichten seiner Eltern aus der Zeit im Ludwigsburger Oberamteigebäude). Von hier aus folgte auch Carl Eugen dem Spektakel: „Der Herzog mit seinem goldbordierten Hütchen, seiner mit Buckeln versehenen, gepuderten Frisur mit einem Zöpfchen, seinem kirschroten Rocke, seiner gelben Pattenweste, seinen gelben Hosen, hohen Stiefeln und Stiefel-strümpfen, und die Herzogin in weitem Reifrocke mit schlanker Taille, hoher gepuderter Frisur, auf der hoch oben eine gelbe Bandschleife wie ein Kanarienvogel saß.“
Zweimal am Tag, mittags und abends, nahmen der Herzog und sein Hof an den promenades en masques teil. Jedermann war es „gnädigst vergönnt“, daran teilzunehmen. Für kurze Zeit verwischten die Masken die Standesunterschiede – weshalb vor dem Herzog auch nicht der Hut zu ziehen war. Neu waren Maskeraden zu Karneval nicht: Von Venedig inspirierte Maskenfeste (Redouten) hatten schon länger Eingang in die höfische Festkultur gefunden. Während der Venezianischen Messen wurden sie in der Presse angekündigt, Zutritt erhielt man nach Entrichtung eines Einheitspreises. In Stuttgart begannen sie um acht Uhr abends im Weißen Saal des Neuen Schlosses. Für das Publikum auf der Straße gab es Wanderbühnen, Glücksspiel, Akrobaten, Gaukler … „Cassinen“, Cafés und Gastwirtschaften, deren Preise amtlich festgesetzt waren, sorgten für das leibliche Wohl.




