Iod ist ein lebenswichtiges Spurenelement und für unseren Körper unentbehrlich. Es wird für die Produktion von Schilddrüsenhormonen gebraucht und beeinflusst darüber zentrale Funktionen unseres Stoffwechsels, des Kreislaufs, der Verdauung und auch des Gehirns. Nehmen wir zu wenig Iod auf, können Erschöpfung, Übergewicht und eine vergrößerte Schilddrüse die Folge sein. Nehmen wir dagegen zu viel Iod auf, stört dies die körpereigene Bildung der Schilddrüsenhormone und kann Erkrankungen dieses Organs begünstigen.
Giftig statt gesund
Umso bedenklicher ist ein aktueller Internet-Trend, bei dem eine spezielle Iodlösung als angeblich gesundes Nahrungsergänzungsmittel beworben wird. Diese Lugolsche Lösung soll das Immunsystem stärken, gegen Iodmangel helfen und der Schilddrüse guttun, so die Behauptung. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und Verbraucherzentralen erklären: „Lugolsche Lösung ist nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt“, warnt das BfR. „Die Einnahme der Lösung kann zu einer Vergiftung mit Jod und damit verbundenen schweren unerwünschten Effekten auf die Schilddrüsenfunktion führen.“
Deshalb ist die Lugolsche Lösung nicht für die orale Einnahme gedacht und weder als Arzneimittel noch als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen, wie die Verbraucherzentrale erklärt. Wird die Lösung verkauft, muss sie Hinweise darauf tragen, dass sie nicht zum Verzehr oder zur inneren Anwendung geeignet ist. Ursprünglich wurde die Lugolsche Lösung als Desinfektionsmittel eingesetzt, heute dient sie in Laboren als Nachweismittel für Stärke und bestimmte Bakterien.
Warum ist Lugolsche Lösung schädlich?
Das Problem bei der Lugolschen Lösung sind die Menge und Art des darin enthaltenen Iods. Sie besteht neben Wasser aus fünf Prozent elementarem Iod und zehn Prozent Kaliumiodid. Damit ist sie extrem hochdosiert: Schon ein kleiner Tropfen der fünfprozentigen Lösung enthält mehr als 6000 Mikrogramm Iod – viel zu viel, wie Experten erklären. Denn die empfohlene Tagesdosis für Erwachsene liegt bei nur 150 Mikrogramm. Ein Tropfen der Lugolschen Lösung überschreitet diese Menge bereits um das 40-Fache.
Noch schlimmer jedoch: Auch die maximale, noch als gesundheitlich tolerierbar geltende Dosis wird durch einen Tropfen der Lugolschen Lösung überschritten – um das Zehnfache. „Die orale Einnahme der Lugol’schen Lösung oder anderer Iodtinkturen ist gefährlich und ein höchst bedenklicher Trend“, warnt Roland Gärtner, Endokrinologe an der Universität München und Vorsitzender des Arbeitskreises Jodmangel e.V.
Hinzu kommt: Die Schilddrüse und andere Organe können Iod nur in Form negativer Ionen aufnehmen und abbauen. Die Lugolsche Lösung enthält jedoch auch elementares Iod, das schädlich ist. „Das elementare Jod ist ein sehr potentes Oxidationsmittel, das an alle möglichen Fette sowie Proteine und Kohlenhydrate bindet. Diese iodierten organischen Verbindungen können dann allergische Reaktionen auslösen“, erklärt Gärtner. Wer diese Lösung als Hilfe gegen Iodmangel einnimmt, riskiert daher in mehrfacher Hinsicht seine Gesundheit.
Warnung auch vor Iodsättigungstest nach Brownstein und Abraham
Experten warnen auch vor einem Test, der Iodmangel aufzeigen soll und bei dem ebenfalls die Lugolsche Lösung zum Einsatz kommt. Für diesen Iodsättigungstest nach Brownstein und Abraham sollen Patienten 50 Milligramm Iod aufnahmen und dann über 24 Stunden ihren Urin sammeln. Das darin enthaltene Iod soll dann verraten, ob der Körper ausreichend mit Iod versorgt ist.
„Dieser Test wurde wissenschaftlich nie validiert und ist überhaupt nicht aussagekräftig“, sagt Gärtner. Denn neben einer Fehlannahme über den Sollwert des Iods im Körper geht der Test davon aus, das überschüssiges Iod folgenlos über die Nieren wieder ausgeschieden wird. „Dies trifft allerdings nur für das negativ geladene Iodid zu, wie es zum Beispiel in Nahrungsmitteln vorkommt“, erklärt der Endokrinologe. Das in der Lugolschen Lösung enthaltenen elementare Iod binde jedoch an organische Moleküle und sei dann äußerst reaktiv.
Was wirklich gegen Iodmangel hilft
Sowohl das Bundesinstitut für Risikobewertung als auch Mediziner und Verbraucherzentralen warnen davor, einen vermeintlichen oder tatsächlichen Iodmangel mit Lugolscher Lösung zu behandeln. Wer regelmäßig iodhaltige Lebensmittel wie Fisch und Milchprodukte isst und im Haushalt Iodsalz verwendet, ist in der Regel ohnehin ausreichend mit Iod versorgt – zusätzliche Iodpräparate sind überflüssig. Anders kann dies bei vegan lebenden Menschen sowie in der Schwangerschaft und Stillzeit sein.
Wer unter ärztlich diagnostiziertem Iodmangel leidet, kann zusätzliches Iod über Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Diese sollten aber nicht mehr als 100 Mikrogramm Iod pro Tagesdosis enthalten, wie das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt. Außerdem sollte man darauf achten, dass diese Mittel nur die zugelassenen und vom Körper verwertbaren Iodverbindungen Natriumiodid, Natriumiodat, Kaliumiodid und Kaliumiodat enthalten. Elementares Iod darf hingegen nicht eingenommen werden.
Quelle: Bundesamt für Risikobewertung, Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), Verbraucherzentrale, Arbeitskreis Iodmangel





