von FRANK FRICK
Die Europäische Union stuft Lithium als „kritischen Rohstoff“ ein: Denn der hohen wirtschaftlichen Bedeutung des Metalls steht eine unsichere Versorgungslage gegenüber. Weltweit stammen 80 Prozent des Lithiums, das unter anderem für Elektroautos, stationäre Energiespeicher und Elektrogeräte-Akkus benötigt wird, aus Australien und Chile. Europa ist vollständig auf Importe angewiesen. „Dabei nehmen wir erhebliche Umweltkosten beim konventionellen Abbau in diesen Ländern in Kauf, etwa negative Auswirkungen auf das Grundwasser“, sagt Valentin Goldberg, Wissenschaftler am Institut für Angewandte Geowissenschaften des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
In Australien kommt das Lithium als Bestandteil von Erzen vor. Dort bereiten Bergbauunternehmen das Erz mittels mechanischer, anderer physikalischer und chemischer Verfahren auf. Nahezu das gesamte entstandene Vorkonzentrat liefern sie nach China. Dort wird es zu einem Salz weiterverarbeitet, das an die Batterieindustrie weltweit verkauft wird. Im Salz ist das Lithium stabil, während es in reiner Form sofort mit Luft oder Wasser reagiert und brandgefährlich ist. Alle Produktionsschritte verbrauchen viel Energie und hinterlassen umweltbelastenden Abfall.
In Chile und Argentinien wird Lithium dagegen nicht bergmännisch gefördert. In den dortigen Salzwüsten pumpen Unternehmen lithiumhaltiges Salzwasser – Sole genannt – aus Grundwasserleitern in fußballfeldgroße Becken an der Oberfläche. Dort verdunstet in der Wüstensonne das Wasser. Zurück bleibt ein Salz, das mithilfe von Chemikalien für die Batteriefertigung aufgereinigt wird. Zwar ist diese Art der Lithium-Gewinnung mit weniger CO2-Emissionen verbunden als der Erzbergbau. Doch vor allem der gewaltige Wasserverbrauch steht in der Kritik. Anwohner und Umweltorganisationen berichten von sinkenden Grundwasserspiegeln und austrocknenden Brunnen.
Unausgegorene Alternativen
Ein möglicher Ausweg aus dieser Situation wären Batterien, die ohne Lithium auskommen. Daran arbeiten Forscher aus aller Welt längst. Sie konstruieren und testen unter anderem Exemplare, in denen Lithium durch Natrium oder Calcium ersetzt ist. Oder sie entwickeln Energiespeicher ganz anderen Typs wie Magnesium-Luft-Batterien oder Silizium-Luft-Batterien.
Nahezu alle Experten sind sich jedoch einig, dass diese Alternativen in den nächsten 10 bis 20 Jahren nicht mit den auf Lithium basierenden Batterien konkurrieren können – zu groß ist deren Vorsprung hinsichtlich Leistungsfähigkeit, Langlebigkeit und Serienreife.
Europa schlägt sich also direkt mit zwei Problemen herum: Erstens will es mithilfe der Elektromobilität weg von fossilen Treibstoffen, aber die Lithium-Gewinnung selbst ist nicht gut für Klima und Umwelt. Zweitens haben die letzten Monate gezeigt, wie schnell Lieferketten zusammenbrechen können und wie tückisch die einseitige Abhängigkeit von einzelnen Staaten ist.





