Warum werden manche Menschen 120 Jahre alt und andere nicht mal 70? Und was lässt einige Menschen bis ins hohe Alter fit bleiben, während andere sich schon vor dem Rentenalter mit Wehwehchen rumschlagen müssen? Schon lange suchen Wissenschaftler nach der biologischen Basis für unsere Lebensdauer. Klar ist, dass die Lebensweise und Umwelt dabei eine enorme Rolle spielen. So leben wir deshalb deutlich länger als noch unsere Großeltern und Urgroßeltern, weil Ernährung, medizinische Versorgung und andere Faktoren heute besser sind. Gleichzeitig aber scheint auch die Vererbung für unser Lebensalter wichtig zu sein: “Es wird weithin angenommen, dass ein langes Leben in der Familie liegt”, erklären Graham Ruby von Calico Life Sciences in San Francisco und seine Kollegen. Wurden die Großeltern und Eltern sehr alt, weckt dies daher in vielen Menschen die Hoffnung, auch selbst zu den Langlebigen zu gehören.
Daten von 400 Millionen Menschen
Doch wie viel unserer Lebensdauer ist tatsächlich genetisch bedingt? Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Ruby und sein Team nun einen der bisher größten Datensätze zu diesem Thema ausgewertet. Sie nutzten dabei die Tatsache, dass es inzwischen immer mehr Ahnenforschungsportale im Internet gibt, über die Menschen ihre Abstammung in Erfahrung bringen können. Eines dieser Portale, Ancestry, umfasst die Familiendaten von 54 Millionen Mitgliedern und deren rund sechs Milliarden Vorfahren.
In Zusammenarbeit mit den Ancestry-Betreibern haben die Forscher aus diesem Bestand die Daten von rund 400 Millionen Menschen und ihren Verwandtschaftsverhältnissen ausgewählt, die im 19. und 20. Jahrhundert lebten. Mithilfe von mathematischen und statistischen Verfahren werteten sie diese Daten auf die Langlebigkeit der Personen aus, aber auch auf ihren Verwandtschaftsgrad und mögliche soziokulturelle Gemeinsamkeiten. Denn wenn Geschwister in einem Haushalt leben und aufwachsen, kann auch dies ihre Lebensdauer angleichen. “Soziokulturelle Faktoren, die die Lebensdauer beeinflussen, können genauso innerhalb von Familien weitergegeben und geteilt werden wie genetische Faktoren”, erklären Ruby und sein Team.
Störfaktor Partnerwahl
Und tatsächlich: Die Auswertung ergab, dass die Erblichkeit der Lebensdauer offenbar noch geringer ist als zuvor angenommen wurde. Die Wissenschaftler kamen für den Einfluss der Gene auf einen Wert von maximal sieben Prozent. Selbst dieser Wert könnte durch soziokulturelle Einflüsse geprägt sein, so dass der reine Effekt der Gene möglicherweise noch niedriger liegt, wie Ruby und seine Kollegen erklären. Warum aber lagen diese Werte so viel niedriger als vorhergehende Schätzungen? Eine Erklärung liefert ein Effekt, der von Biologen als “assortive Paarung” bezeichnet wird. Er kommt zustande, weil wir Menschen dazu neigen, Partner zu wählen, die uns in vielen Merkmalen ähnlich sind. Bei ihren Stammbaumanalysen fiel den Forschern auf, dass nicht nur Ehepartner oft ähnlich lange lebten, sondern auch Schwiegereltern, Schwager und andere angeheiratete, aber nicht im gleichen Haushalt lebende Verwandte.





