Schon im Erdmittelalter war der Wald nachts von vielfältigen Geräuschen erfüllt. Eins davon haben Wissenschaftler jetzt zum Leben erweckt: Das Liebeslied der Laubheuschrecke Archaboilus musicus. Das Insekt gab ein regelmäßiges, hohes Zirpen von sich, berichtet das Team um Jun-Jie Gu. In den lichten Wäldern des Erdzeitalters Jura war dieser Ton gut geeignet, um auch über große Distanzen paarungswillige Weibchen anzuziehen, schreiben die Forscher.
Bislang war unklar, wie und wann sich der Gesang von Grillen und Laubheuschrecken entwickelte, da es kaum Fossilien gab, in denen der Zirpapparat erhalten blieb. Gu und seine Kollegen beschreiben nun ein neues, gut erhaltenes Fossil aus der Inneren Mongolei: Es handelt sich um ein Paar Flügel, bei dem eine Reihe regelmäßig angeordneter Zähnchen zu erkennen ist. Die Laubheuschrecken erzeugten ihren Gesang, indem sie die Zähnchen (in der Fachsprache Schrillleiste genannt) über eine scharfe Kante auf dem anderen Flügel schoben, das sogenannte Plektrum.
Aus dem Abstand der Zähnchen und der Länge der Schrillleiste ermittelten die Forscher, dass Archaboilus musicus einen reinen Ton mit einer Frequenz von 6.400 Hertz erzeugte. Das ist höher als das fünfgestrichene c, der höchste Ton auf dem Klavier, aber für Menschen deutlich wahrnehmbar. Ein Zirpen dauerte 16 Millisekunden. Die Forscher vermuten, dass die Laubheuschrecke nachtaktiv war. ?Alle Laubheuschrecken, die heute Töne von sich geben, sind nachtaktiv?, berichtet Fernando Montealegre-Zapata von der University of Bristol, einer der Autoren. Damit waren die Insekten vermutlich vor den ersten Vögeln geschützt, Verwandten des Urvogels Archäopteryx, die aus der Luft Jagd auf Insekten machten.
Kleine, insektenfressende Säugetiere, die damals ebenfalls nachts durch die Wälder streiften, könnten ihre Opfer allerdings aufgrund des Liebesgesangs ausfindig gemacht haben. Die Heuschrecken lebten in einer offenen Waldlandschaft, die von Araukarien und Riesenfarnen beherrscht wurde. Die schlimmsten Feinde zirpender Insekten erschienen allerdings erst gut hundert Millionen Jahre später: Als die Fledermäuse mit ihrem Ultraschall-Detektor vor etwa 55 Millionen Jahren auftauchten, kam eine Art akustisches Wettrüsten in Gang. Heutige Laubheuschrecken sind daher auf höhere Frequenzen ausgewichen.
Jun-Jie Gu (Capital Normal University, Peking, China) et al.: PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, doi:10.1073/pnas.1118372109 wissenschaft.de – Ute Kehse





