Die nicht-jüdische Umwelt lässt sich – meist kritisch – über Leib und Leben von Juden aus. Der Autor zeigt, wie intensiv das physische Dasein der Minderheit stets verwoben blieb mit den Mitmenschen. Beeindruckend ist die Fülle des Wissens in diesem lebensprallen Sachbuch und seine nie bevormundende Bravour. Die Verlockung, sich das ganze Buch wie einen Roman einzuverleiben, ist beträchtlich.
Das anspruchsvolle Unternehmen widmet sich zunächst dem biologischen Körper – und trifft, vom „Ebenbild Gottes“ ausgehend, sehr bald auf gängige „Körperstereotype“: Nase, Lippen, Hautfarbe, Bart, Haarfarbe und Geruch. „Hautfarbe“ ist besonders lehrreich, weit weniger bekannt als andere Stereotype. Das nächste Kapitel über unbedeckte und veränderte Körper lässt „Muskeljuden“ auftreten, diskutiert unter anderem eindrucksvoll Nacktheit oder den Komplex „Kopfbedeckung“.
In „Das Geschlecht des Körpers“ wird Auskunft gegeben über Gleichheit und Ungleichheit der Geschlechter, über Beschneidung als Differenzerzeugung, aber auch über die angebliche „Verweiblichung“ des jüdischen Mannes, über Homosexualität, Prostitution oder Verhütung. Das Kapitel vom „intakten Leib“ beschreibt das Gesundheitsverständnis und seine Pflichten, die „besondere Hygiene der Juden“, die Beschneidung in hygienischer Hinsicht; natürlich fehlen auch die Speisegesetze nicht.
Den intakten Leib verlangt es nach Schönheit; so lässt der Autor vielen Schönheitsvorstellungen Raum, gleichviel, ob sie Frauen oder Männern gelten. Hier könnte mancher mit dem Autor streiten wollen, wenn er kurz und bündig schließt: „Bei Männern … die Schönheit in der Intelligenz und bei Frauen in der äußeren Erscheinung“, aber über Geschmäcker streite man besser nicht, zumal der Cicerone schlagfertig ist, treffliche Zitate an der Hand hat und sich nicht selten auch mit einem gelungenen jiddischen Witz davonmacht ins nächste Kapitel.
Der „hinfällige Leib“ fordert dem Medizinhistoriker die konzise Beschreibung zahlreicher Gebrechen ab, allgemein verbreiteter und spezifisch unter Juden auftretender (oder ihnen zugeschriebener) Krankheiten. Behinderungen und die Hinfälligkeit des Alters werden ebenso umsichtig wahrgenommen, nirgends je den jüdisch traditionellen wie den modernen und zeitgenössischen Umgang damit vernachlässigend.
„Der hilfsbedürftige Leib“ bedarf des Arztes, des Krankenbesuchs, des Gebets sowie des hilfreichen Umgangs mit dem Schmerz. „Der vergängliche Körper“ schließlich sieht sich den letzten Dingen ausgesetzt: Euthanasie. Sterbebegleitung. Todeskriterien. Scheintod. Autopsie. Selbstmord. Auferstehungsglaube. Und zu guter Letzt, wieder milder stimmend: Einbalsamierung! (Vielleicht aber vermisst jemand den Körper und sein Agieren beim Studium der Lehre und im Gottesdienst, den lernenden, betenden und feiernden Körper?)




