Oder doch? Zumindest Flechten hindert es am Überleben. Wie Untersuchungen zeigen, sterben diese symbiotischen Lebensgemeinschaften von Pilzen in völlig trockener Umgebung nicht ab, sondern gehen in einen Zustand des Scheintods über. Die Flechten schützen sich durch die Austrocknung vor energiereicher Strahlung. Denn die könnte die Wassermoleküle spalten und so reaktionsfähige Radikale entstehen lassen, die unter anderem das Erbmaterial angreifen. Und das würde die Flechten endgültig lebensunfähig machen.
Hier zeigt sich ein Paradox des Wassers, das wesentlich zum Leben beiträgt, aber zugleich zerstörerisch auf die molekularen Grundbestandteile von Zellen einwirkt. Man glaubt es nicht, aber Wasser ist kein Freund des Lebens. „Wasser ist vielmehr ein Feind des Lebens, weil es die Kettenmoleküle zerstören kann, aus denen es sich aufbaut“, wie der kürzlich verstorbene Biochemiker Robert Shapiro bereits 1986 geschrieben hat. In seinem Buch mit dem Titel „Origins“ versuchte er, mit modernen Methoden an die alte Idee des Thales anzuknüpfen. Shapiro sprach von einem Wasser-Paradox. Zellen kommen damit zurecht, weil es ihnen gelingt, die Beweglichkeit der Wassermoleküle einzuschränken.
Aber das bedeutet, dass das übliche Bild, das die Sach- und Lehrbücher vom Zellsaft – genauer: vom Zytoplasma einer Zelle – vermitteln, nicht stimmt. In der zellulären Flüssigkeit mit dem vielen Wasser schwimmen die Moleküle nicht einfach alle durcheinander umher. In den Zellen findet man vielmehr ein zähflüssiges Gerüst, in dem sich die Lebensmoleküle vor dem für sie feindlichen Wasser geschützt aufhalten und ihre Aufgaben ausführen.
Daraus folgt, dass weder Thales noch Shapiro den Ursprung des Lebens am richtigen Ort gesucht haben. Man sollte dafür besser nach einer Oberfläche suchen, an der zwar Wasser zu finden ist, das aber rasch verdunsten kann. Es muss am Anfang ein klebriges Hin und Her von Nässe und Trockenheit gewesen sein, was im Englischen als „wet-dry cycles“ bezeichnet wird. Solche Kreisläufe könnten zuerst die Kettenmoleküle erzeugt und diese dann gezwungen haben, mit den Attacken des Wassers fertig zu werden. Es gab also einen Überlebenskampf von Anfang an, selbst in dem „warm little pond“, den Darwin so geschätzt hat. Ich kann es kaum glauben: Gerade weil Wasser lebensgefährlich sein kann, ist das Leben nicht in einer verborgenen Tiefe, sondern in aller Offenheit entstanden.





