Sind unsere Chancen auf ein langes Leben besonders hoch, wenn unsere Eltern und Großeltern ein hohes Alter erreichten? Oder spielen unser Lebensstil und unsere Umwelt eine größere Rolle? Diese Frage beschäftigt die Altersforschung seit langem. Um eine Antwort darauf zu finden, kommen oft Zwillingsstudien und Stammbaumanalysen zum Einsatz. Doch die Ergebnisse liegen je nach Methodik weit auseinander. „Aktuelle Schätzungen anhand von Zwillingsstudien zeigen eine Vererblichkeit von nur 20 bis 25 Prozent, und aktuelle groß angelegte Stammbaumstudien legen nahe, dass sie sogar nur bei 6 Prozent liegt“, berichtet ein Team um Ben Shenhar vom Weizmann-Institut für Wissenschaften in Israel.
Doch die meisten dieser Studien haben einen gravierenden Mangel: Sie verlassen sich oft auf Daten von Menschen, die im 18. oder 19. Jahrhundert geboren wurden und häufig bereits in jungen Jahren aufgrund von Infektionskrankheiten, Unfällen oder anderen von außen stammenden Ursachen gestorben sind, die heute eine weitaus geringere Rolle spielen als damals. „Solche Todesfälle, die nichts mit der genetischen Veranlagung zu tun haben, verfälschen die Schätzung des vererbbaren Anteils an der Lebensdauer“, erklären die Forschenden.
Extrinsische Todesursachen ausgeklammert
Um den Einfluss der Gene zuverlässiger abzuschätzen, haben Shenhar und sein Team drei große Zwillingsstudien aus Skandinavien erneut ausgewertet und zusätzlich Daten zu den Geschwistern von 100-Jährigen aus den USA einbezogen. Für ihre Analyse rechneten die Forschenden die vorzeitigen Todesfälle durch Infektionen, Unfälle und Co. heraus. Übrig blieben sogenannte intrinsische Todesursachen. „Diese intrinsische Mortalität resultiert aus Prozessen innerhalb des Körpers, darunter genetische Mutationen, altersbedingte Krankheiten und der Rückgang der physiologischen Funktionen mit zunehmendem Alter“, erläutert das Team.
Dabei zeigte sich: Wenn man nur die Todesfälle betrachtet, die tatsächlich mit dem Alter in Verbindung stehen, liegt der vererbbare Anteil der Lebensdauer bei 55 Prozent – mehr als doppelt so viel wie bisher angenommen. Laut Shenhar und seinen Kollegen ist dieser Wert realistisch, denn auch viele andere physiologische Eigenschaften des Menschen hängen zu rund der Hälfte von den Genen ab. Auch bei Mäusen, die unter kontrollierten Bedingungen gehalten wurden, zeigte sich ein genetischer Einfluss auf die Lebensspanne von rund 55 Prozent.
Zusammenspiel von Genen und Umwelt
Genetisch vererbt wird der Studie zufolge unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz – beides wichtige Faktoren für die Sterblichkeit. Bei Krebs, einer weiteren häufigen Todesursache, ist der vererbbare Anteil dagegen etwas geringer, wahrscheinlich, da externe Risikofaktoren eine größere Rolle spielen. Generell gehen die verbleibenden Unterschiede in der Lebensspanne, die sich nicht genetisch erklären lassen, laut den Forschenden wahrscheinlich auf Umweltfaktoren zurück, darunter den Lebensstil, sozioökonomische Einflüsse und den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Auch epigenetische Modifikationen könnten eine Rolle spielen.
„Die Studie hat wichtige Konsequenzen für die Alterungsforschung“, schreiben Daniela Bakula und Morten Scheibye-Knudsen von der Universität Kopenhagen in einem begleitenden Kommentar in Science. „Ein erheblicher genetischer Beitrag stärkt die Begründung für groß angelegte Bemühungen, Varianten zu identifizieren, die mit Langlebigkeit in Verbindung stehen.“ Auf diese Weise lassen sich womöglich biologische Signalwege aufdecken, die erklären, warum manche Menschen besonders alt werden.
Quelle: Ben Shenhar (Weizmann-Institut für Wissenschaften, Israel) et al., Science, doi: 10.1126/science.adz1187





