Zur hethitischen Lebenswelt gehörten ganz selbstverständlich zahlreiche Göttinnen und Götter. Man begegnete ihnen und ihrem Wirken unmittelbar: Regen und Sturm sandte der Wettergott; in Sonne und Mond sah man die Verkörperung der jeweiligen Göttergestalten. Dasselbe gilt für Quellen, Flüsse, Berge und Felsen. Als heilige Orte respektierte man freilich nicht nur Landschaftsmarken in der natürlichen Umwelt; vielmehr wurden etwa auch Gebäudeteile, allen voran die Herdstatt eines Hauses, eng mit bestimmten, schützend waltenden Gottheiten verbunden oder selbst im Rahmen von Ritualen als göttlich angerufen und beopfert. Die eigentlichen Wohnungen aber, die man den Göttern bereitstellte, waren die Tempel und Heiligtümer, vom kleinen heiligen Bezirk um einen Felsen bis zum mächtigen, das Stadtbild beherrschenden Monumentalbau. Als unmittelbar anwesend dachte man die Gottheit in ihrem Kultbild in der Cella, dem Hauptraum des Tempels. Gleichsam “in einem goldenen Käfig gefangen” waren die Götter deshalb keineswegs: Verschiedene hethitische Rituale zeugen davon, daß Götter sich im Zorn aus ihrem Heiligtum entfernen konnten und mit Hilfe von Reinigungsriten, Anrufungen und verlockenden Gaben in das Heiligtum zurückgerufen werden mußten.
Das Zusammenfließen unterschiedlicher kultureller Traditionen in Zentralanatolien und die bewußte Aufnahme religiöser Vorstellungen insbesondere aus dem südanatolisch-nordsyrischen Raum vermehrten die Zahl der von den Hethitern verehrten Gottheiten erheblich. Zur Vielfalt ihrer Götterwelt trug zudem die theologische Systematik bei, die einerseits die lokalen Gestalten überregional bekannter Gottheiten als eigenständige Göttergestalten sah, andererseits die großen Gottheiten auch nach Aspekten differenzierte: So kannte man nicht nur die Wettergötter der Städte Uda, Ziplanda, Nerik usw., sondern auch den Wettergott des Donners, des Blitzes, des Regens und viele andere.
Alle großen Göttinnen und Götter stellte man sich als menschengestaltige, personhafte Machtwesen vor. Ältere Konzepte tiergestaltiger Gottheiten lassen sich in lokalen Kulten noch greifen; sie lebten aber vor allem in Form von göttlichen (Attribut-)Tieren fort, die man den großen Gestalten des Pantheons unterordnete. Obwohl die Götter Menschengestalt besaßen, Zorn und Zuneigung empfanden, in der Sprache der Mythen wie die Menschen kämpften und sich auf Reisen begaben, waren sie doch ganz und gar nicht menschengleich: Unvorstellbare Größe und ungeheure Machtfülle sind typische Kennzeichen der Göttlichkeit; vor allem aber können Götter zur selben Zeit an verschiedenen Orten voll und ganz anwesend sein. So heißt es in einer Anrufung, die im Rahmen des Einweihungsrituals für einen neuen Tempel der “Göttin der Nacht” gesprochen wurde: “Erhabene Göttin, bewahre deine Person, deine Göttlichkeit aber spalte auf! Komm herbei in diesen neuen Tempel, nimm die erhabene Stätte ein!” Dabei setzte man selbstverständlich voraus, daß die Gottheit auch weiterhin in ihrem bereits bestehenden Heiligtum weilen würde.
Das Verhältnis zwischen Gottheit und Mensch glich für die Hethiter der Beziehung zwischen einem Sklaven und seinem Herrn. Ein Instruktionstext für Tempelbedienstete aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., der sich gegen Mißstände in den Heiligtümern wendete, formuliert: “Ist denn der Sinn von Menschen und Göttern irgendwie verschieden? Nein! Was das betrifft (jedenfalls): Nein! Ihr Sinn ist ein (und derselbe). Wenn ein Diener vor seinen Herrn tritt, ist er gewaschen und trägt saubere Kleidung. Er gibt ihm zu essen oder zu trinken. Und sobald sein Herr ißt (und) trinkt, ist er (der Diener) beruhigt und er (der Herr) wird ihm zugetan sein. Wenn er (der Diener) bemüht ist, wird er (der Herr) keinen Fehler an ihm finden.” Das tägliche Geschehen in den Tempeln prägten daher genau vorgeschriebene Riten, die eine korrekte Versorgung der Gottheit mit Speis und Trank, Gewändern und Schmuck garantierten, die das Heiligtum vor Verunreinigungen schützten und insbesondere die Reinheit des Götterbildes durch Waschungen und Salbungen bewahrten. Besonders feierlich beging man diese Riten an den großen Festtagen des Kultkalenders, über die wir dank umfänglicher Vorschriften für die Festrituale recht gut informiert sind (siehe dazu den Beitrag von Doris Prechel in DAMALS 2/97)…




